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Berlin, Berlin wir fahren nach Berlin!

Dei Leuchtreklame auf dem Dach wird zum Balanceakt. Zudem schließt sie sich ab und an kurz.

Berlin, Berlin wir fahren nach Berlin!

Beziehungsweise ich fahre nach Berlin. Alleine, wie sich das für einen Menschen, der mehr Ladegeräte als Hemden im Koffer hat gehört. Mal für ein paar Tage andere Luft schnuppern. Ich habe mich dazu entschieden mit dem Zug zu fahren. Der Bus, der zwischen Hamburg und Berlin pendelt wäre eine Option gewesen, aber ich habe über ein Restkontingent eine einfache Fahrt mit dem ICE nach Berlin für 25 Euro lösen können. Besser geht es wohl kaum. Und nun sitze ich im Zug und versuche die Menschen um mich herum auszublenden so gut es eben geht. Also Kopfhörer eingesteckt und Laptop aufgeklappt. 

Ich wollte schon lange Limbo spielen. In dem Indie-Videospiel-Titel geht es soweit es sich mir bisher erschlossen hat um einen Jungen, der im Wald aufwacht und durch den Wald läuft. Das Spiel ist komplett schwarz-weiß gehalten, überzeugt durch eine einfache Steuerung und zieht einen sofort in den Bann. Und dann stirbt man. Man stirbt in Bärenfallen, die herumliegen, in welchen, die umher schwingen, in speerbesetzten Fallgruben, durch herabfallende Steine, durch schwingende Steine, man ertrinkt, wird verbrannt, zerstampft, zerrissen und von allen erdenklichen Seiten aufgespießt. Letzteres geschieht am Häufigsten durch eine übergroße Spinne, auf die man vergleichsweise früh im Spiel trifft und die einen fortan durch den Wald verfolgt.

Ich traf auch schon auf andere Kinder. Und zuerst freute ich mich darüber. Allerdings legten mir die anderen Kinder bei meiner Flucht vor der Spinne Steine in den Weg. Nunja, keine tatsächlichen Steine, die verbauten mir Fluchtwege, stellten mir Fallen und zogen Stricke ein, mit denen ich mich meiner misslichen Lage hätte entziehen können. Wen wundert es da noch, dass es mir leidlich egal war, als ich später im Spiel den Körper eines ertrunkenen Kindes als Floß nutzte, um es zu vermeiden, der Länge nach von einem Spinnenbein aufgespieckt zu werden. Dennoch lässt einen das Spiel nicht kalt. Ich musste zwischendurch Spielpausen machen und den Jungen erstmal stehen lassen, um den Puls wieder etwas zu senken und die frühesten Erlebnisse erst einmal zu verdauen. Zwischenzeitlich war ich derart in das Spiel vertieft, dass ich mir nach einem Fallenfehltritt die Haare raufte, leise schnalzte, wenn ein Sprung nicht weit genug war.

Wie erwähnt bin ich im Zug. Auf der anderen Gangseite sitzt eine junge Mutter mit ihrem 3-jährigen Kind und ihr ist aufgefallen, dass ich gerade mit dem Spielcharakter mitleide. Ich weiß nicht genau, wie lange sie mir schon dabei zusieht, allerdings ist vor einem Moment das Kind ruhig geworden. Und auch wenn Limbo nach einem schicken Schattenspiel aussieht, ist es nichts, bei dem Kinder zugucken sollten. Also hab ich das Spiel ausgemacht und die Textmaschine eingeschaltet.

Und nachdem fast eine Stunde lang nur graue Schatten im Nebel vor dem Fenster stattfanden, sind nun schon die ersten Ausläufer Berlins zu sehen. Das wird grausam.

XL

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Comments
  • David08 Dezember 2012
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    Erster ;)
    Schön geschrieben, jetzt hab ich Lust, das auch endlich mal weiter zu spielen. Vielleicht auf den diversen weihnachtlichen Zugfahrten.

  • Lin09 Dezember 2012
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    Schön habt ihr es hier :). Limbo ist super, ich habe es damals mit einer Freundin zusammen durchgespielt. Wurde auch Zeit, dass du das nachholst.

  • Vier Monate Keinehosensonntag: Zwerge auf den Schultern von Riesen - Keinehosensonntag22 März 2013
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