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Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.

Urlaub ist ja nicht nur dazu da, dass man sich erholt und die Füße hochlegt. Auch der Kopf will Urlaub machen und sich mit fremden und neuen Inhalten befassen.

Über Twitter erfuhr ich von einer Veranstaltung bei der Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Telekom und der angebotene Vortrag weckte Interesse bei mir. Unter der Überschrift „Breitbandinternet für alle – wie kann das gehen?“ sollte die Digitalisierungsstrategie der Bundesregierung, unter Betrachtung des Material-, Zeit- und Kostenaufwands auf Umsetzbarkeit geprüft und Alternativen besprochen werden. Wie ich finde, ein hoch interessantes Thema. Außerdem wurden in der Ankündigung Snacks und Drinks versprochen, also meldete ich mich an.
Dass ich mich hierbei beim Veranstaltungsdatum verlas, wie mir erst jetzt im Nachhinein auffiel, führte folglich zu einer Situation, die ich so nicht vorher geahnt habe. 

Den Nachmittag verbrachte ich in einem Café am Rosenthaler Platz bei Kaffee und Käsekuchen. Ein Freund, den ich lange nicht sah, wollte sich mit mir treffen und ein wenig reden. Da er, ohne dass ich es wusste, sich vorab mit meinem Bruder treffen wollte, kamen beide später als geplant bei mir an. Da es allerdings doch ein bisschen zu besprechen gab, machte ich mit leichter Verspätung auf den Weg zum Breitband-Vortrag. Mein Telefon riet mir die Tram zum Hackeschen Markt zu nehmen. Leider war es von dort noch ein längerer Fußmarsch durch die historische Altstadt und ich hatte keine Zeit mich umzusehen. Zudem ließ ich mich von der aktuellen Version von iOS-Maps den Weg leiten, sodass ich, als ich am Zielort ankam, noch ein ganzes Stück von tatsächlichen Zielort entfernt war.
Ich kam also verspätet an. Glücklicherweise war der Portier direkt zur Stelle und begrüßte mich mit den Worten: „Guten Abend. Ich bringe Sie direkt zur Veranstaltung.“ Die Frage, ob meine Verspätung schlimm sei verneinte er, da alle anderen gerade erst Platz nähmen. Ich legte meinen Mantel an der Garderobe ab und ließ mir von einem Herren an der Tür einen Sitzplatz zuweisen.

Und als ich dann saß und mich im Raum umschaute, war ich irritiert. Statt der Geschäftsleute, die ich bei einer solchen Veranstaltung erwartete, saßen dort Jungs und Mädchen meines Alters. Keiner älter als 30 und immer abwechselnd. Die Veranstalterin hieß mich herzlich willkommen und wir stellten uns vor. Dann begann die Abendveranstaltung. Die Tische waren bereits mit jeweils drei Weiß- und Rotweingläsern eingedeckt. Und während zwei Kellner den ersten Weißwein einschenkten, begann ein Sommelier uns zu beizubringen, dass der goldige Schein dieses Weins typisch für einen Wein dieser Lage sei, ebenso die leichte Zitrusnote. Die Dame erklärte uns anschließend, wie eine Tischserviette auseinander gefaltet wird und mir wurde gewahr, dass ich offensichtlich nicht in der richtigen Veranstaltung war. Da ich allerdings auch schon zum Tischherrn der Veranstalterin erklärt wurde, blieb ich. Die Servierte benutzt man im Übrigen korrekt, wenn sie einfach gefaltet auf dem Schoß liegt, sodass sie ein potentielles Malheur auffängt und man zudem an ihrer Unterseite die Finger und den Mund abtupfen kann. Der Mund wird immer, bevor man etwas trinken möchte abgetupft, um das Glas sauber zu halten.

Als Vorspeise brachte man uns Rindercarpaccio garniert mit gewürfeltem Kürbis und einer Vinaigrette aus Melisse und Limette. Dazu lernten wir das es entweder ein Amuse-bouche (zur Freude des Mundes) oder ein Amuse-Gueule (zur Freude des Gaumens) gibt. Niemals beides. Als zweiten Gang einen gratinierten Ziegenkäse, der derart intensiv im Geschmack war, dass mir heiß und kalt wurde. Nachdem ich mich fast eine Woche lang hauptsächlich von Döner ernährte, wurden meine Geschmacksnerven nun geradezu überrollt. Um das ganze einmal Sacken zu lassen, lernten wir in welcher Reihenfolge ein Tisch eingedeckt für mehrere Gänge eingedeckt wird, sollten wir einmal bei uns einen derartigen Abend ausrichten. Außerdem weiß ich nun, dass wenn sich der Herr von Tisch kurz verabsentieren muss, er sich bei seiner Tischdame höflich erbittet, kurz entschuldigt zu sein und falls sich die Tischdame kurz vom Tisch entfernt, ihr Tischherr mit aufsteht und ihr den Stuhl zurückschiebt.

Als anschließenden Hauptgang gab es Pasta. Allerdings auf original italienische Art, was bedeutet, dass die Spaghetti, entgegen der deutschen Art, mit wenig Soße serviert werden. Für mich stellte sich hierbei nicht als schwierig dar die Nudeln zu essen, ohne mich zu beschmaddern. Schwierig war es für mich die Hauptspeise zu genießen, da sie mit Garnelen serviert wurde und Fisch und Meeresfrüchte mir schon seit Kindheitstagen den Appetit verderben. Mit ausreichend vollmundigen Rotwein und der Erlaubnis meiner Tischdame, Speisen, die mir nicht schmeckten auch auslassen zu dürfen, schaffte ich es allerdings diesen Gang zu überstehen.
Als Dessert stand Schwarzwälder Kirschtorte auf der Karte. Allerdings bekam nicht jeder ein Stück, wie es am Nachmittag im Café der Fall gewesen wäre. Allen Anwesenden wurde eine kleine Turmkonstruktion serviert, die auf den ersten Blick für mich nicht sofort klar gewesen wäre, dass es sich hierbei um ein Schwarzwälder Kirschtörtchen handelt. Das tat dem Geschmack allerdings keinen Abbruch.

Abschließend für den Abend durften alle noch einmal zusammenfassen, wie sie den Veranstaltungstag empfanden. Dabei fiel mir auf, dass ich nicht nur in die falsche Veranstaltung geführt wurde, sondern sich die Anwesenden auch schon wenigstens einen Tag kannten und ich tatsächlich das fünfte Rad am Waagenwar. Dieses Gefühl wurde von der Veranstalterin, die durch den ganzen Abend führte unterstrichen, dass ich in der Feedback-Runde schlichtweg übersprungen wurde.

Im Anschluss an die Veranstaltung klärte ich die Situation mit der Veranstalterin und bedankte mich bei allen für den gelungenen Abend. Die Veranstalterin lachte fröhlich, ob meiner vermeintlich peinlichen Situation und klärte mich auf, dass ihr noch jemand vom Event-Team des Hauses angekündigt war, sodass es sie nicht weiter wunderte dass noch jemand fremdes am Abend dazu stoße. Da der Event-Mensch offensichtlich nicht erschien, nahm ich also unbewusst für alle seinen Platz ein. Die Veranstalterin (und zugleich meine Tischdame) versicherte mir, dass eskeine Zufälle gibt und ich ein guter Tischherr an diesem Abend gewesen sei. Mir blieb an dieser Stelle nichts weiter übrig, als mich nochmals zu bedanken und wir verabschiedeten uns in den Abend.

Berlin kann ja doch ganz angenehm sein.Pasta mit Scampi

XL

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Comments
  • Nils Fischer29 Dezember 2012
    Antworten

    Ich hab da mal ne Frage zu den Benimmregeln:
    Wenn man sich die Serviette ja in den Schoß legt, wie putzt man sich dann vor dem Trinken den Mund ab ohne entweder den Kopf so tief runterzunehmen, dass die Haare in der Suppe schwimmen oder sich die ganzen Krümel in den Schoß zu schütten?

    • XL29 Dezember 2012
      Antworten

      Das ist vergleichsweise einfach. Du nimmst die Servierte hoch und führst sie zum Mund. Dann tupst du dir mit dem Rand der Unterseite den Mund ab. Wenn da Krümel drauf liegen kannst du die Servierte ja auch einmal umschlagen, sodass die nicht rausfallen.

  • Edinburgh im Herbst - Keinehosensonntag25 November 2013
    Antworten

    […] Studenten, deren Stiftung zu Wochenendworkshops nach Edinburgh eingeladen hatte. Ähnlich wie letztes Jahr in Berlin kam ich ungeplant auf eine Dinnerparty. Diesmal in der schottischen Nationalgalerie. Erst gab es […]

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