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Jeder in Hamburg sucht eine Wohnung.

Jeder in Hamburg sucht eine Wohnung.

Hamburgs Süden
Jeder in Hamburg? Nein! Ein kleiner Exil-Franke, der an der Waterkant aufgewuchs, hat hier gerade seine Segel gestrichen und ist mit seiner Herzdame nach Baden-Württemberg gezogen. Für mich war das wohl der erste Umzug im engeren Freundeskreis, bei dem ich nicht den Wagen fahren und die Umzugskartons schleppen musste. Ganz außen vor gelassen wurde ich dennoch nicht. Da sich mit der Hausverwaltung nicht vor dem Umzug ein Termin für die Wohnungsübergabe finden ließ, baten die beiden mich, den Termin für sie wahrzunehmen. Ich sagte zu. Und so fand ich mich schließlich wenige Tage später in der S-Bahn in Richtung Hamburgs Süden wieder, um vor Arbeitsbeginn die Wohnungsübergabe durchzuführen. Dort angekommen öffnete ich die leere Wohnung (drei Zimmer, Küche, Bad, Balkon) und mir eröffnete sich, was ich bereits vergessen hatte, da meine Erfahrungen diesbezüglich schon einige Jahre zurück liegen. – Frettchen stinken ungemein.

Die beiden haben seit ein paar Jahren zwei dieser narkoleptischen Energiebündel und offenbar hatten meine Freunde vergessen, nachdem sie den Strom und das Wasser in ihrer alten Wohnung abstellten, auch das Fenster im Frettchenzimmer auf Kipp zu stellen. Ich versuchte durch Querlüften die Situation zu retten, doch als ich das Fenster auf der gegenüberliegenden Seite öffnete, lief unten auch schon der Hausverwalter vorbei. Beim Betreten der Wohnung trat bei ihm kurz Stockatmung ein. Ich wusste genau, was in ihm vorging. Wenn man den Geruch von Frettchen nicht kennt ist es ein überwältigendes Erlebnis. Die Mischung aus Moschus und Amoniak treibt dem Ungeübten schnell die Tränen in die Augen. In dem Fall war derjenige so überrumpelt, dass er sich wohl am liebsten direkt in den Flur übergeben hätte. Nichtsdestotrotz hielt er an sich und wir gingen in das Zimmer der kleinen Stinker.

Soweit war mit dem Zimmer alles in Ordnung. Nur das dieser Elefant im Raum stand. „Wir hatten mal eine Wohnung, in der war einer gestorben.“, fing er plötzlich an. „Den ganzen Estrich mussten wir austauschen. Wir hätten alternativ auch den Boden versiegeln können.“ Diese zusammenhanglose Geschichte seinerseits wiegelte ich kurzerhand damit ab, dass hier keiner gestorben sei und lediglich bis vor Kurzem ein paar Tiere im Zimmer waren. Mit ein wenig lüften ginge der Spuk schon wieder vorbei.

Bei der weiteren Besichtigung wurden die üblichen Fehler bemängelt und auf dem Übernahmebogen notiert. Lacknasen an den Türrahmen, Farbüberstriche an der Decke, Schlüssel, die in kein Schloss passen, aber trotzdem in der Wohnung sind und die Frage, wo die passenden Schlüssel seien. Alles Lapallien im Vergleich zum Totalausfall des einen Zimmers. Als ich meinen Freund anrief, um ihm einen Abriss der bisherigen Übergabe zu geben, erfuhr ich zwei interessante Dinge. Zum einen war die Absprache mit dem Hauswart, dass gar nicht die Türen komplett, sondern dass nur die Türrahmen gestrichen werden sollten. Zum anderen ist die Wohnung noch für einen kompletten Monat gemietet. Als es nach dem Telefonat daran gehen sollte, das Übernahmeprotokoll zu unterschreiben, bemängelte ich, dass der fehlende Anstrich der Türen und der starke Tiergeruch darin standen. Zu den Türen vesicherte mir der Hauswart, dass es nach Mietvertrag üblich wäre, die Türen zum Auszug neu zu streichen. Ich schaute misstrauisch auf die eierschalenweißen Türen, deren letzter Anstrich mindestens zehn Jahre her war, machte mir bewusst, das die beiden gerade einmal zwei Jahre in der Wohnung wohnten und sagte zu dem Herren: „Die Türen machen auf mich aber einen anderen Eindruck. Allerdings hab ich natürlich auch keinen Grund anzunehmen, dass sie mir hier Quatsch erzählen. Weshalb sollten Sie das auch tun?“ Als Antwort darauf bekam ich einen irritierten Blick. Kurzerhand schlug ich vor, das Protokoll nicht zu unterschreiben und eine neue Übergabe anzusetzen, wenn das schlimme Zimmer ein wenig frische Luft bekommen habe.

Seitdem sind zwei Wochen vergangen. Die Wochenenden nutzte ich, um die Türen und Türrahmen anzuschleifen und dann zusammen mit Flo neu zu lackieren.
Da sich der Tiergeruch seitdem nicht merklich verzogen hat, habe ich mir heute die Atemmaske aufgesetzt und eine Flasche Lufterfrischer flächig über Wände und Boden verteilt. Wenn im Übernahmeprotokoll später festgehalten wird, dass die Wohnung nach Frühlingserwachen und Blütenzauber riecht, soll es mir recht sein.

XL

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Comment
  • Endlich Wochenende! - Keinehosensonntag17 Februar 2013
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    […] Wochenende habe ich größtenteils damit verbracht, Türen zu streichen. Daher wollte ich den Abend mit angenehmeren Dingen als Lacknasen und Zweitanstrichen verbringen. […]

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