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Was du nicht willst, dass man dir tu‘

Was du nicht willst, dass man dir tu‘

Photo 11.10.13 14 15 40
Es war das erste Mal, dass ich mein ganzes Bargeld in einer Bar gelassen hatte. Bis auf ein paar Cent, die zu wenig waren für ein letztes Bier und zu knapp ein anständiges Trinkgeld.
Es war das erste Mal, dass ich einem Polizisten vor die Füße kotzte und das erste Mal, dass ich zwei Mal innerhalb kurzer Zeit in einen Krankenwagen stieg. Und unter Schock schrieb ich der ersten Person, die mir einfiel und die sich dafür am wenigsten interessierte: Meiner Ex-Freundin. Und es war nicht einmal die schlimmste Nacht, die ich in Hamburg hatte.

Nicht mal mehr 500 Meter hätte ich bis zur Haustür gehabt, als ein junger Typ knapp an mir vorbei lief und sich mir in den Weg stellte. Ein zweiter war direkt hinter mir. Kaum hatte ich angehalten, zog der an meinem Portemonnaie. Doch es verkantete sich in der Gesäßtasche und instinktiv griff ich mit einer Hand danach, um es festzuhalten. Mit der anderen riss ich mir die Kopfhörer aus den Ohren und hörte ein durch die Zähne gepresstes „Los, Geld her!“ von meinem gegenüber. „Ich hab keins.“, entgegnete ich. Und wir waren alle drei in einer Situation, in der wir eigentlich nicht sein wollten. Sicherlich sah ihr Plan anfangs viel einfacher aus. Hingehen, abziehen, abhauen. Und jetzt das. Immerhin waren wir uns einig darin, dass wir aus der Situation das Beste machen müssen. Da es für mich der erste richtige Überfall war, obwohl ich bereits über Acht Jahre in der Großstadt lebte, hatte ich keine Ahnung, wie ich tatsächlich damit umgehen sollte. Sicherlich, war es aufregend. Aber da ich eh nicht hatte, was die beiden wollten, war ich durchaus bereit, das Ganze als Erfahrung, die man mal gemacht haben sollte abzuhaken, jeden seiner Wege ziehen zu lassen und die Sache zu vergessen. Die beiden Jungs allerdings sahen das etwas anders. Der eine hinter mir ließ nicht locker. Ich auch nicht. Und der vor mir hatte sofort einen Ausweichplan parat. „Handy her.“

Also das ging nun wirklich zu weit. Schließlich ging es jetzt nicht mehr nur um ein paar Kröten und vielleicht noch die Rennerei, um neue Ausweisdokumente, Führerschein und Bankkarten wiederzubekommen, wenn sie das Portemonnaie nach dem Plündern nicht sowieso in den nächstbesten Mülleimer geworfen hätten. Jetzt ging es um meine Kontakte, meine Familienfotos und meine Freunde. Was heutzutage alles in so einem Gerät steckt. Zugegeben, ich mache regelmäßig Backups davon und hätte alle Daten binnen eines Tages wieder zusammen gehabt, aber es ging auch ums Prinzip. Und noch während ich zögerte kam schon der erste linke Haken.

Die beiden gehörten in die Kategorie Halbstark. Ich selbst eher in die Kategorie Hungerhaken. Die Halbstarken waren zu zweit und ich zwischen Ihnen eingekeilt. Wenn man so vollgepumpt mit Adrenalin ist, wie ich es in diesem Moment war, entwickelt der Körper plötzlich Kräfte, von denen man selbst vorher gar nicht wusste, dass man sie hat. In dem Moment wäre es mir ganz Recht gewesen, Kräfte wie der Hulk zu entwickeln. Wie sich allerdings herausstellte, habe ich eher Nehmerqualitäten.

Während ich von vorne und hinten gleichzeitig zu Boden geprügelt wurde versuchte ich Hilfe herbeizurufen. „HILFE! ÜBERFALL!“ Pathetisch, aber nutzlos. Es war kurz nach Vier. Sicherlich schaffte ich es dadurch, den einen oder anderen aus der Nachbarschaft aus dem Schlaf hinein in einen Albtraum zu reißen. Da sich die Zeit ohnehin in die Länge zog hatte ich Muße mich mit meiner Situation auseinanderzusetzen. Mit einer Hand sicherte ich meine Geldbörse, mit der anderen mein Telefon. Mit dem restlichen Körper wehrte ich Schläge und Tritte ab. Interessant fand ich, dass mein Vordermann immer nur mit einer Faust zuschlug. Die rechte Hand behielt er in der Jackentasche. Vielleicht war ihm seine Hand kalt. Vielleicht war es auch ein letzter Funken Anstand, nicht das K.O.-Gas, den Schlagring, oder Schlimmeres gegen eine hoffnungslos unterlegene Person einzusetzen.

Zu den Regeln im Kampf zählt, die Flucht zu suchen, wenn man unterlegen ist. Das wusste ich. Wenn jemand ein Messer zieht, lauf. Spiele nicht den Helden. Lauf einfach weg. Die Chance von hinten abgestochen zu werden ist um ein Vielfaches geringer, als von vorne ein Messer in den Bauch zu bekommen. Einfache Psychologie. Da ich noch kein Messer im Bauch hatte, hatte ich auch noch eine Chance. „FEUER!“, rief ich. „FEUER! FEUER!“

Die Menschen sind von jeher fasziniert von Feuer. Wo ein Feuer brennt ist was los. Das will man nicht verpassen. Ein Feuer ist immer noch verblüffend. Und mein gegenüber schaute mich auch verblüfft und irritiert an. Hätte ich hinten Augen, hätte ich wohl in das gleiche Gesicht geschaut. Die beiden hatten allerdings Erfahrung darin, verarscht zu werden und durchschauten meine Finte schnell. Der vor mir schlug nun auch mit der anderen Faust zu. Doch der Trick zeigte Wirkung. Nachdem ich unentwegt den Brand verkündete, unterbrochen von ein paar Japsern nach Luft und dem einen oder anderen Aufstöhnen nach einem Tritt in den Magenkuhle rannten zwei Leute von Ende der Straße auf uns zu. Einer hatte ein Staubsaugerrohr oder Baseballschläger dabei. Egal was es war. Es zeigte direkt Wirkung. Die beiden Arschlöcher ließen von mir ab und flohen in die andere Richtung.

Wie ich später erfuhr, schauten die beiden Anwohner schon länger zu. Anfangs hielten sie es wohl für eine Kabbelei unter Freunden. Doch als ich am Boden lag und die beiden anfingen mir gegen den Kopf zu treten, erkannten sie den Ernst der Situation und eilten mir zu Hilfe. Ein dritter, vor dessen Haus ich zusammengeschlagen wurde, stand hinter der Tür. Höchstens 2 Meter vom Geschehen entfernt bekam er nahezu die ganze Sache mit und hatte wahrscheinlich sogar mehr Angst als ich. „Ich habe zwei kleine Kinder im Haus. Die wüssten dann wo ich wohne.“, entschuldigte er sich und hatte mein vollstes Verständnis. Er hatte auch die Polizei angerufen, die etwas später eintraf. Ohne Blaulicht, ohne Sirene und strickt auf die Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 km/h achtend, rollte der Polizeiwagen aus der Richtung heran, in die die Täter verschwunden waren. Es folgte das Standardprozedere mit Aufnahme der Personalien, Erfassung der Situation, Hinzurufen des Krankenwagens und der anschließenden Zeugenbefragung.

Mit zittrigen Knien stieg ich ich den Rettungswagen. Die jungen Herren überprüften meine Reflexe, befragten mich nach meinen Beschwerden und schienen überrascht, dass ich in so guter Verfassung war. Ein paar Prellungen stellten sie fest. Nichts, dass ein Eisbeutel nicht lindern könnte. Nach wenigen Momenten wurde mir eine gute Nacht und gute Besserung gewünscht und ich wieder in die Nacht entlassen. Der eine Polizist befragte gerade den Zeugen mit dem Schlagwerkzeug. Ich fragte ob ich zuhören dürfte, weil ich gerne wissen wollte, was alles passiert war. Der Polizist erlaubte es und der Zeuge fuhr in seinen Schilderungen fort. Er erwähnte wie ich nach Strich und Faden vermöbelt wurde und die Gruppe auf der anderen Straßenseite nichts unternahm. Das war mir neu. Von denen war auch keine Spur mehr, als die beiden Angreifer flohen. Schlimmstenfalls hätte ich mich also gegen die beiden zur Wehr setzten können und wäre kurz darauf von Fünf weiteren umkesselt gewesen.

Wenn der Adrenalinspiegel absinkt wird alles schwer. Ich stützte mich am Baum neben dem Polizisten ab, als sich ein Kopfschmerz einstellte. „Entschuldigung, ich glaube es geht es nicht gut.“, unterbrach ich den Zeugen und fast im gleichen Atemzug übergab ich mich neben den Polizisten. Meine Beine wurden schwach und ich musste mich setzen. Der Krankenwagen war bereits wieder weg und so nahm der Polizist sein Funkgerät und forderte den RTW erneut an. Und dieses Mal ging es direkt in die Notaufnahme.

Nachtschwestern in der Notaufnahme gehören meines Erachtens zu den abgbrühtesten Menschen dieses Planeten und sind für mich der Inbegriff von Professionalität. Sie kennen Ihre Handgriffe und Prozesse im Schlaf und lassen sich kaum aus der Ruhe bringen. Im Krankenhaus angekommen wurde ich auf der Bahre in ein Zimmer links den Gang hinunter gefahren. Das Zimmer hatte weder Fernseher, Schränke oder andere Betten. Es musste sich um ein Aufwachzimmer oder ähnliches handeln, wo ich erst einmal geparkt wurde. Von rechts den Gang herunter hörte ich Schmerzensschreie einen jungen Mannes. Ich blieb ruhig.

Von einem Freund, der an einer Katastrophenschutzübung teilgenommen hatte, erfuhr ich einmal, dass Verletzte, die Schreien zuletzt behandelt werden. Priorität haben die, die ohnmächtig oder in Schock sind. Es dauerte nicht lange und die Schwester kam mit dem Aufnahmeformular und schrieb neben Prellungen, Schürfwunden und allgemein guter Ansprechbarkeit Halitosis, Mundgeruch, darauf. Das überraschte mich nicht, da ich die Nacht durchgezecht und mich vor Kurzem übergeben hatte. Anscheinend war es aber wichtig dies schriftlich festzuhalten. Ich wurde wieder allein gelassen. Gelegentlich drang an schmerzverzertes Stöhnen aus der Richtung in die die Schwester verschwunden war, zu mir. Meine Gedanken wollten beginnen zu rasen, doch ich war zu erschöpft. Die Gelenke taten mir weh. Mein Kopf brannte heiß, doch mir wurde kalt, und ich begann zu zittern. Einige Zeit später kam eine Frau dazu, die sich als Ärztin vorstellte und mir erst eine Decke besorgte und anschließend zum Röntgen für Torso und Kopf mitnahm. Diagnose: Nichts gebrochen. Das fühlte sich anders an.

Da man im Krankenhaus nichts mehr für mich tun konnte und die Busse zu dieser Uhrzeit in größeren Abständen fuhren, wurde mir ein Taxi gerufen. Ich stand vorm Krankenhaus und hatte keine Ahnung wo ich war. Seit ich in Hamburg wohne, musste ich in keines. Allzu weit konnte es aber nicht bis nach Hause sein. Da mein Geld aber schon nicht für einen letzten Drink reichte, bat ich den Taxifahrer noch an einer Bank zu halten, die auf dem Heimweg lag. Wir unterhielten uns über die Geschehnisse der Nacht, doch leider vergaß ich ihn zu fragen, wie wir die Kosten für die Heimfahrt gelöst hätten, wenn mir meine Geldbörse doch noch gestohlen worden wäre. Vermutlich hätte er aber auch dann Verständnis für meine Situation gehabt und mir eine Rechnung ausgestellt. Wo ich wohne, wusste er ja.

Ich schliff mich ins oberste Stockwerk, öffnete die Wohnung und zog noch im Flur die zerrissene und verdreckte Hose aus, während ich auf’s Bett zuging, mich hinlegte und sofort einschlief. Stunden später und wach, dachte ich erst an einen bösen Traum, doch die Schmerzen waren noch da. Dazu hatte ich stechende Kopfschmerzen, wie sie sonst wohl nur Migränepatienten nachvollziehen können. Ich konnte so unmöglich aufstehen, musste dann aber doch ins Bad, um mich zu übergeben. Entkräftet schleppte ich mich auf die Couch und schlief dort direkt wieder ein.

Ich weiß nicht genau wie lange ich dort lag. Ich wachte vom Gefühl auf, brechen zu müssen, ging direkt ins Bad und übergab mich erneut. Dann wieder auf die Couch. Dieses Muster wiederholte sich für den Rest des Tages. Eine befreundete Krankenschwester erklärte mir später, dass das die typischen Symptome einer ordentlichen Gehirnerschütterung sind und Patienten mit Kopfverletzungen deshalb immer 24 Stunden zur Beobachtung im Krankenhaus bleiben sollten.

Später bekam ich die Rechnung dazu. Aber das ist eine andere Geschichte.

XL

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Comments
  • Pablo21 Oktober 2013
    Antworten

    Oh weh…. Aber super schön geschrieben! Ist länger her das ich einen langen Text ohne Bilder im Internet so gerne gelesen habe. ;)

  • damage21 Oktober 2013
    Antworten

    Ohje ohje…

    Die Frage nach dem Handy Klau habe ich mir auch schon öfter gestellt. In meiner Phantasie ziehe ich das Handy und schmeiße es so weit und kräftig wie ich kann. Lieber kaputt als in fremden Händen. Stellt sich die Frage, ob es einem danach besser geht…

  • Tori21 Oktober 2013
    Antworten

    Ui, erzählt hattest Du mir das ja schon mal. Es jetzt in der Ausführlichkeit nochmal zu lesen, ist ein ganz anderer Schnack. Ich bin sehr berührt!
    Toll geschrieben. Chapeau!

  • Patrick21 Oktober 2013
    Antworten

    Ich kann mich Pablo nur anschließen. Ich klebte förmlich am Text. Eine hundert-Prozent-Lösung gibt es in solch einer Situation wohl nicht. Ich würde sagen: Glück im Unglück. Wären die zwei mehr als nur halbstark, dann hätte das sicherlich noch viel schlimmer ausgehen können.

  • Natalie21 Oktober 2013
    Antworten

    Es ging mir ähnlich wie den anderen hier. Der Text hat mich sehr gefesselt und berührt. Da kann man wirklich nur noch Glück im Unglück sagen.
    Echt toll geschrieben!

  • Joachim21 Oktober 2013
    Antworten

    Mit 42, einer rasierten Glatze und 185cm hatte ich dahingehend noch nie ein Problem. Eigentlich irgenwie schade – man könnte sich abreagieren. An Leuten, die es nicht besser verdient haben, aber die gehen ja lieber auf Frauen, Betrunkene oder wie auch immer unterlegen scheinende Opfer los. Irgendwie ja auch logisch. Leider.

  • Linkgebliebenes 33 « kult|prok03 November 2013
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