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Wie sich wohl Fahrer von Rennwagen mit Raketenantrieb entspannen?

Wie sich wohl Fahrer von Rennwagen mit Raketenantrieb entspannen?

Ich selbst fahre mit der U-Bahn. Das ist kein sonderlich schnelles Verkehrsmittel und auch nicht sonderlich originell oder gar ausgefallen. Auch habe ich keinen Einfluss darauf, wie schnell ich fahre. Aber es reicht, so redete ich mir bisher zumindest ein, um zügig durch die Stadt zu kommen. Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass ich auf dem Land aufwuchs und immer, wenn ich allein hin und dabei schneller als zu Fuß sein wollte, das Fahrrad nehmen musste. Doch jetzt bin ich in der Stadt, profitiere vom Fortschritt der Technik und habe manchmal das Gefühl, in der Zukunft zu leben.

Dennoch. In der Stadt ist es oft hektisch. Schlendern ist unerwünscht. Man muss hurtig sein beim Umsteigen zwischen den Bahnen. Zebrastreifen sollen schnell überquert werden. Und wenn es gerade rush hour ist, muss alles sogar noch schneller ablaufen. Da aber nicht immer alles so schnell gehen kann, muss es auch Ruhephasen geben, um eimal Luft zu holen, sich zu erholen und zu orientieren. Meistens geschieht das am Wochenende. Wer sich schlau anstellt, erstellt sich auch unter der Woche einen Termin zum Entspannen.

Um mich selbst auf andere Gedanken zu bringen und den Kopf frei zu bekommen, besuchte ich letztens die Bar, in die ich mittlerweile am liebsten gehe. Oben war mal wieder alles proppenvoll. Für einen Samstag nicht ungewöhnlich. Unten im Keller gibt es einen Raucherraum, der überraschend gut belüftet ist, sodass auch ich als ehemaliger Raucher dort den Abend verbringen kann ohne das blanke Kotzen zu kriegen. Unten arbeiteten zwei Freunde an der Bar, sodass ich mich um mich und meine Getränkewünsche nicht weiter kümmern musste. Also setzte ich mich in eine Ecke an die Bar, stöberte durch meine Timelines und las die Nachrichten des Tages auf dem Smartphone nach. Ab und an schaute ich hoch, trank einen Schluck meiner Bestellung, „Du machst das schon.“, und las anschließend weiter.

Dass ich offensichtlich mit dem anwesenden Publikum nichts direkt zu tun haben wollte, verstand ein anderer Gast offenbar als Einladung mich anzusprechen. Er war wohl schon länger an diesem Abend unterwegs gewesen und ist mit seinen Freunden gerade angekommen. Und eigentlich mag er es in der Bar auch nicht, berichtete er mir, da hier merkwürdige Leute seien. Ich stimmte ihm zu. Er legte mir seine soziologische Analyse der Anwesenden dar, bei der die meisten nicht gut weg kamen. Und anscheinend wirkte ich nicht aufmerksam genug, oder gab ihm zu wenig Anerkennung für seine Bemühung, vielleicht wollte er sich dann doch einfach unter die anderen komischen Menschen mischen. Jedenfalls lies er mich wieder allein an der Bar und machte dem nächsten Gast Platz, dass dieser sich anstellen konnte, seine Bestellung abzugeben.

Ich öffnete die Geschichtensammlung von Spreeblick, die ich irgendwann mal für nicht einmal einen Euro kaufte. Neben den darin enthaltenen Kurzgeschichten amüsiert mich tatsächlich immer wieder der Kaufpreis. Kauft euch einfach „I live by the river!“ (Link zum kindle Shop). Ich las die Geschichte über den Ausbau des Büros und das Lernpotential, das so ein Ausbau für den ungeübten Handwerker mit sich bringt. Währenddessen trank ich mein zweites Getränk. Diesmal ein „Spaß im Glas“. Um es vorwegzunehmen, ich habe keine Ahnung, wie sich das dritte Getränk nannte. Das wurde mir später einfach mit Grüßen hingestellt und anschließend getrunken.

Da ich mir den Spaß an der Kurzgeschichtensammlung noch ein wenig länger erhalten wollte, schaute ich nach, was sich noch so an digitalen Büchern auf meinem Gerät befand. Das Spreeblickbuch ist allerdings tatsächlich das erste, das mich nach dem Anlesen auch wieder zum Buch zurückkehren lies. Nach und nach haben sich in verschiedenen Lese-Apps Bücher angesammelt, die gerade günstig angeboten wurden oder sogar gratis zum Download bereitgestellt. Deshalb hatte ich mir gut ein Dutzend Bücher auf das Gerät geladen, in der Hoffnung, die auch mal irgendwann zu lesen. Das zweite Buch, dass ich also an diesem Abend anfing, war „Die Verwandlung“ von Franz Kafka. Vermutlich ist das eines der Bücher, die man schon während seiner Schulzeit zum Spaß gelesen haben sollte. Damals habe ich das allerdings nicht ernsthaft in Erwägung gezogen. Und so begann ich, angetrunken und in unruhiger Umgebung, das Buch zu lesen, dessen Einleitungssatz wie folgt lautet:

„Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“ 

Darüber musste ich erstmal nachdenken und trank einen Schluck des dritten Getränks. Denn den ersten und den letzten Satz eines Buches finde ich besonders interessant. Irgendwie muss eine Geschichte schließlich beginnen und enden. Doch wenn es eine gute Geschichte werden soll, sollten auch und besonders diese beiden Sätze gut überlegt sein. Und so dachte ich mir, was dem Herrn Kafka wohl durch den Kopf ging, als er anfing das Buch zu schreiben. Und wie ich mich wohl erholen würde, wenn mein Leben noch aufregender wäre.

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