Auf zum Ahrberg #3

 

Wenn Ahrberg zu einer Ausfahrt einlädt, darf zwar jeder kommen, tatsächlich kommen aber Menschen in Funktionskleidung mit schnellen Rennrädern. Hätte ich im Vorhinein gewusst, was da auf mich zukommt, ich wäre wahrscheinlich einfach im Bett geblieben. 120 Kilometer standen auf dem Plan. Nach meinem Trip Anfang des Sommers, hielt ich das aber für machbar. Treffpunkt war am alten Elbtunnel und Regen war, wie es sich für einen anständigen Herbsttag gehört, für den ganzen Tag angesagt. Um eins vorwegzunehmen: Dem Regen sind wir davon gefahren.

Kurz nach Neun waren auch die letzten durch das Nadelöhr Fahrstuhl am alten Elbtunnel gekommen und die ersten drei fuhren auch bald nach der Begrüßung los. Eine Startaufstellung oder Rennleitung gab es nicht. Es ging eher um die Strecke, die Leute und sich selbst.

Wir fuhren Richtung Süden. Erst einmal durch den Hafen, wo wir auch schon die ersten Mitfahrer an die quer verlaufenden Schienen verloren. Einer wollte zwar weiterfahren, das redeten wir ihm aber auch schnell wieder aus. Mit einer Gehirnerschütterung ist einfach nicht zu spaßen und die Folgen für die geplante Tour waren nicht abzusehen. Zügig ging es weiter bis einer plötzlich rechts abbog und das Feld hinter sich herzog. Über fünf Stufen ging es in einen kurzen Tunnel und wir kamen an der S-Bahn Veddel raus. Wir bogen rechts ab, dann etwas später links und dann achtete ich nicht mehr auf die Route. Das Feld zog sich auf dem Deich auseinander. Nach einer Weile sah ich die Spitze des Feldes ein paar hundert Meter rechts von mir in entgegengesetzter Richtung. Irgendwo vor mir lag also eine Wende. Mir wäre ein kürzere Weg nach Wilhelmsburg eingefallen, aber darum ging es ja nicht.

Ich hatte eine Gruppe gefunden, bei der das Tempo für mich stimmte. Beim Rangierbahnhof Maschen machten wir eine Pause, die eigentlich nur aus Bananen und Müsli-Riegeln besteht. Bevor uns kalt wurde saßen wir auch schon wieder im Sattel. Es ging weiter an einem See entlang und damit hat sich die feste Straße für die nächste Zeit auch ergeben, was aber, windgeschützt wie es war, gar nicht so schlimm war. Das wusste ich zu dem Zeitpunkt aber noch nicht. Vermutlich wäre ich sonst auch direkt umgekehrt.

Gefühlt hatten wir Niedersachsen auf der Nord-Süd-Achse schon zweimal durchquert. Von dem flachen Land hatte ich bisher auch nicht viel gemerkt. Dabei muss es sich um einen Durchschnittswert handeln, denn ständig musste ich mich im Gegenwind die Hügel hochkurbeln. Im Windschatten der Gruppe ließe sich das vermutlich aushalten, doch hatte ich den Anschluss vor einigen Metern verloren.

Wenn du nicht dreißig Zentimeter hinter dem Vordermann fährst, fährst du allein.

Die Beine wollten nicht mehr so richtig und ich bewegte mich eigentlich nur noch durch eine Mischung aus Routine und Eigenansporn. Die Schultern machten auch langsam zu. Absteigen war nicht drin. Das sagte ich mir immer wieder. Die beiden Packtaschen am Gepäckträger verfluchte ich mittlerweile. Daheim dachte ich, Wechselsachen wären bei dem Wetter zur Sicherheit gut, aber ich verstand nun, weshalb der Rest mit schnell trocknender Funktionskleidung und leichtem Gepäck fuhr.

Einer aus der Gruppe ließ sich zurückfallen und drückte mir einen Spruch rein. Ich konnte ihm nicht einmal böse sein. Ganz im Gegenteil. Mit seinem „Kürzer!“ veranlasste er die ganze Gruppe dazu langsamer zu fahren und ich konnte schnaufend aufschließen. Das machte den Gegenwind erträglicher. Wie sich die drei an der Gruppenspitze sich die ganze Zeit da durchstemmen ist wirklich stark.

Zweiter Stop ist an einer Weggabelung in einem kleinen Dorf bei Egestorf. Die Initiative dazu kam von mir, weil mein Kreislauf langsam verrückt spielte. Ich wusste zwar nicht, ob das Kribbeln in den Fingern nur von der Fahrt über Stock und Stein kam, doch bevor ich vom Rad fiel, um das jemand anderes feststellen zu lassen, hielten wir lieber kurz. Die Anwohner, die im Garten aufräumten und der Typ, der durch Dorf lief, schien nicht oft Fremde zu Gesicht zu bekommen. Wir wurden jedenfalls argwöhnisch beäugt und brechen auch schon bald wieder auf.

Es geht bergab! Damit hätte ich schon gar nicht mehr gerechnet, aber da ich weiß, das unser Ziel der Ahrberg ist, wird es auch wieder bergauf gehen. Das wusste ich und in meinen Oberschenkeln zog zu sehr, um das auszublenden.

Es geht bergauf! Der Weg besteht aus nassem Kopfsteinpflaster, Laub und reichlich Steigung. Das in dem Waldstück nicht noch Gegenwind dazu kommt überraschte mich. Nach immer galt: Absteigen ist nicht drin. Ich ließ die Kette auf den kleinsten Gang springen. Vermutlich wäre ich schiebend schneller oben. Dieser verflixte Ahrberg.

Ich war nicht der letzte unserer Gruppe, als ich oben ankomme. Doch außer uns war hier keiner. Nur Feld und etwa einen Kilometer entfernt wieder ein Dorf. Wir mussten also weiter, wenn wir zum Treffpunkt auf dem Ahrberg wollten. Ein Stück hinter dem Dorf kamen uns ein paar der ersten entgegen. Weit konnte es also nicht mehr sein. Oder halt doch, so wie die vor einigen Stunden schon vorgelegt hatten.

Tatsächlich stehen die anderen Radfahrer aber im nächsten Waldstück. Mit der zuletzt ankommende Gruppe wurde Aerobic gemacht. Damit waren sie aber schon alle durch. Mit uns hatte wohl keiner mehr gerechnet. Heißen Kaffee und blaue Schlümpfe bekamen wir trotzdem noch.

Ich habe es doch tatsächlich mit Hilfe der anderen zum Ahrberg geschafft. Jetzt muss ich nur noch zurück kommen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.