Berlin by bike // Bye, Bye Berlin

Ich verreise mit einem Gefühl wie Berlin in die Hauptstadt. Der zur Abfahrt einsetzende Regen unterstreicht es grau. Entgegen meiner letzten Reise habe ich keine angetrunkenen Halbstarken oder Fußballfans als Mitreisende. Vielleicht aber auch doch und ich erkenne sie einfach nicht, da sie wie alle anderen Mitreisenden lethargisch auf ihren Plätzen verweilen. Noch bevor das Video mit Service-Hinweisen abgespielt wird meldet sich der Busbegleiter in breitem Berliner Dialekt über die Sprechanlage. „Als Erstet muss ick mal ne schlechte Ansage mach’n. Uff der vorherijen Tour hat en Jast die Papierhandtücher für ditt Klo benutzt und jetz isset verstopft. Wir ham‘ jerade noch vasucht ditt wieda hinzukriejn, aba da wa nüscht zu mach’n. Wenn also ener uff Toilette muss, kanna sich rechtzeitig hier vorne melden. Dann halten wa an der nächsten passenden Stelle an.“ Ich bin ganz froh darüber, dass er nicht weiter ausführt, wie genau Mission ‚Rohr frei!‘ fehlgeschlagen ist und stelle mir vor, es geheime Absprachen zwischen den Angestellten der Fernbuslinien und den Raststättenbetreibern an der Autobahn gäbe, um die gegängelten Reisegäste unterwegs dazu zu zwingen, 50-Cent-Wertcoupons gegen die Toilettenbenutzung zu tauschen. Diese abwegige Verschwörungstheorie lenkt mich nur kurz ab. Trotzdem bleibe ich später bei der Pinkelpause im Bus. Allerdings nicht, weil ich die Klosteinmafia fürchte, sondern weil ich vor der Abreise pinkeln war und das Wetter zu schlecht ist, um sich die Beine zu vertreten. Später bedauere ich das ein wenig und mache Bus-Yoga. Nicht, dass ich tatsächlich Ahnung von Yoga hätte. Ich verwinkele mich nur in meinen Sitz und wechsle dann in eine Position, wo ich ein Bein in den Gang strecken kann. Außerdem spanne ich die Pobacken abwechselnd an, um nach ein paar Stunden das Gefühl darin wiederzufinden. Jemand hinter mir atmet seinen Mundgeruch nach vorne und ich versuche eine Nackenposition zu finden dem Atemstrahl zu entgehen. Draußen sind zum Glück schon die Ausläufer Berlins zu sehen. Lange kann es nicht mehr dauern.

Wir halten am Bahnhof Zoo. Ich steige aus, gehe um den Bus und ein neuer Busfahrer hat schon die Ladetür auf. Er gibt mir mein Rad, ohne dass ich meine kleinen gelbe Postbus-Belegscheine vorzeigen muss. Das ist zwar schön unkompliziert, ist aber in der Sicherheitsrichtlinie für Gepäckstücke der Reisenden hoffentlich anders geregelt. Ich beginne meine Radtour durch das regnerische Berlin. Es wenige Kreuzungen vom Zoo treffe ich auch schon auf einen Autofahrer, der sich wegen meines zügigen Tempos gemächlich an mir vorbei schleichen möchte. Freundschaftlich klopfe ich ihm auf den Seitenspiegel und werden direkt mit harscher Berliner Freundlichkeit gegrüßt. Obwohl er kein Cabrio fährt scheint ihm Regen auf die Brille gekommen zu sein, den er nun wild versucht wegzuwischen. Die nächsten sieben roten Ampeln rolle ich immer wieder leise mit quietschenden Bremsen an ihn heran und werde misstrauisch im Rückspiegel beäugt. Autofahrer sprechen halt überall die gleiche Sprache und verstehen nichts. Vom Smartphone-Navi lasse ich mich nach Pankow leiten um dort bei Freunden den Wohnungsschlüssel abzuholen. „Folgen Sie dem Straßenverlauf“ höre ich und folge. Als mir Pankow nicht mehr bekannt vorkommt, werde ich misstrauisch. Offenbar hat sich das Smartphone gedacht schon etwas früher Feierabend zu machen. Irgendwo in meiner Tasche ist ein externer Akku verkramt und ich komme doch noch an den Schlüssel. Jetzt steht nur noch der obligatorische Döner auf der To-Do-Liste, bevor ich auf’s Sofa falle. Beim hinein beißen kriege ich eine leichte Maulsperre und erinnere ich mich an eine Kussanweisung, den Kiefer zu entspannen. Das ist allerdings gar nicht so einfach, mit einem verkanteten Döner im Mund. Für heute reicht’s mir schon wieder mit Berlin.

 

Das Schönste an Berlin ist für mich das Rausfahren. 90 Kilometer liegen für heute vor mir, die laut Navi in vier einhalb Stunden zu schaffen sind. Dann mal los. Aus Berlin heraus führt der Weg über verwurzelte Radwege, bis es auf einmal direkt in den Wald geht. Die Routenführung bleibt auf einem ähnlich abenteuerlichen Level. Ich habe mich für eine Strecke über die Landstraße entschieden, da ich darauf hoffte etwas ruhiger zwischen den Ortschaften fahren zu können. Ein Irrglaube, wie sich herausstellte. Selten wechseln halten sich die Autos auf der Strecke an die Höchstgeschwindigkeit und noch seltener wechseln sie beim Überholen ordentlich die Spur. An den Stellen Überholverbot darf die weiße Linie nicht überfahren werden. Das wissen die meisten überraschenderweise. Überholt werde ich trotzdem. Und zwar eng. Gegenwind und Regen machen die Tour ab Kremmen nicht gerade angenehmer.

Nach etwa der Hälfte der Strecke wurde ich unaufmerksam. Als ich etwas trank, verschlug mir eine Unebenheit auf dem Radweg das Vorderrad. Ich schaffte es noch den Lenker zu greifen und zog dabei gleich die Bremse mit. Touchdown in Linum. Ich lernte auf die schmerzhafte Art, dass sich auch ein Rad mit Gepäcktaschen überschlagen kann und ein Fahrradhelm den Kopf halt auch nur von oben schützt. Darauf hätte ich auch verzichten können. Man sagt, im Weltall hört dich niemand schreien. Mittags in Linum ist es ähnlich. Es dauerte eine Weile, bis ich mich aus dem Rad gepult und mich wieder aufgerappelt habe. Mit aufgeschlagenen Knien und angeditschter Lippe fahre ich weiter. Wenigstens regnet es gerade nicht.
Abseits der Straßen ist es ganz idyllisch. Das letzte Stück fahre ich am Rhinkanal entlang. Die Sand-Gras-Schotterpiste bremst meine Fahrt. So bleibt mir aber auch mehr Zeit die Landschaft zu genießen. Dass es dann auf einer Plattenstraße weitergeht, zerrt an den Kräften. Im Vierteltakt wird der Plattenversatz an Arme, Schultern und Steiß durchgereicht. Weit kann es allerdings nicht mehr zum nächsten Ort allerdings nicht mehr sein. Ich komme an der B5 aus dem Wald und weiß direkt, wo ich bin. Früher hatte ich mich immer gefragt, wo die Plattenstraße, aus der ich gerade kam, eigentlich hinführt. Jetzt weiß ich’s. Also, Endspurt und ab nach Hause.


Und was habe ich heute gelernt?
– Auch wenn’s weh tut, geht es weiter.
– Das Leben ist hart, aber mein Sattel ist härter.

Eine Antwort auf „Berlin by bike // Bye, Bye Berlin“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.