Edinburgh im Herbst (34 Fotos)

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Vom Stadtzentrum aus kann ich bis zum Hotel laufen, entschloss ich mich. Darauf hatte der Regen gewartet. Von allen Seiten kam die Feuchte auf mich zu. Anfangs nur leichtes Nieseln, doch der Regen nahm zu. Gerade mal vor einer Stunde war ich in Edinburgh gelandet und war ganz froh darüber meine Wachsjacke, eine wasserdichte Reisetasche und frisch imprägnierte Schuhe zu haben. Nur meine Hose war in kurzer Zeit völlig durchnässt. Kein Wunder, dass die Schotten Röcke tragen. Im Hotel angekommen, ging ich über einen dicken Teppich die Stufen in einem knapp verwinkeltem Treppenhaus hoch und konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass diese Bauart Vorbild für Hogwarts gewesen sein muss. Auf dem Weg zu meinem Zimmer kam ich an Zimmer 1 und 2, dann 12, 11, 13 und 14 und schließlich 10 und 8 vorbei, bis ich um die Ecke meine Tür mir der Nummer 9 öffnete, mich drinnen der nassen Klamotten entledigte und direkt eine heiße Dusche nahm.

Ich war froh, kein mit Teppichboden ausgelegtes Badezimmer vorzufinden. Die getrennten Wasserhähne für Heiß- und Kaltwasser waren natürlich vorhanden. Und auch die elektrische Dusche fehlte nicht. Ja, richtig gelesen, eine elektrische Dusche. Man drückt einen Knopf um das Wasser anzustellen und kann dann über Hitzestufen und einen Drehregler die gewünschte Wassertemperatur einstellen. Da ich bisher keine Schreckensgeschichten von Duschtoden durch Stromschlag gehört habe, stehe ich der ganzen Sache zwar dennoch skeptisch gegenüber, genieße aber auch, wie herrlich lange das Wasser heiß bleibt. Anschließend wartete ich den Regen ab und holte ich mir nur noch eine Kleinigkeit zum Abendessen unten an der Ecke, da es bereits zu dunkel war, um noch die Stadt zu erkunden.

Zu den Frühaufstehern zähle ich mich nicht. Trotzdem war ich Tags darauf recht früh unterwegs, stieg in den Bus und die komplette Linie durch. Zum einen, weil der Bus die komplette Innenstadt abfährt, aber auch um mich an den Linksverkehr zu gewöhnen. Und außerdem ist Doppeldeckerbus fahren einfach toll.
Die Tageskarte kostet £ 3,50 und muss exakt passend beim Einstig bezahlt werden. Der Fahrer sitzt hinter einer Schutzscheibe, sodass man die Münzen einfach klappernd in den Einwurf des Münzzählautomaten vor ihm fallen lässt. Wechselgeld gibt es keines. Wie sich das Konzept dahinter durchsetzten konnte, habe ich bisher nicht ergründen können. Nachdem ich den Bus wieder verlassen hatte stromerte ich etwas durch die Innenstadt und bestieg dann den Calton Hill, einem Hügel im Stadtzentrum, der das Nationaldenkmal und das Nelson Monument beherbergt. Beides ist verhältnismäßig unspektakulär. Doch der Hügel bietet eine gute Aussicht über die Innenstadt. Für £ 4 Touristensteuer bestieg ich dann auch die 170 Stufen des Nelson Monument. Oben traf ich dann ein paar deutsche Studenten, von denen einer schon länger in Edinburgh wohnt. Er erklärte mir kurz, was es in der Neustadt zu finden gibt und zeigte mit seinem Finger Richtung Altstadt, wozu er mir ein paar Pubs empfahl. Da ich noch ein paar Tage hier bin, entschloss ich mich dazu, dies später zu machen und erst zuerst noch mit dem Bus eine Stunde in die andere Richtung zu fahren.

Auf der Stadtrundfahrt fiel mir auf, dass es kaum Graffiti gibt. Die Sandsteinhäuser haben hier und da mal eine Schmiererei mit dem wasserfesten Marker, richtiges Graffiti gibt es allerdings kaum zu sehen. Noch dazu kein gutes, oder sogar großartiges, wie es an den Berliner Hochhäusern zu finden ist. Und in den Sandsteinhäusern der Schotten gibt es keine Gardinen. Dicke Vorhänge, die den Raum abdunkeln können haben sie, aber dass was Gardinen am Nächsten kam, war ein dünnes Rollo, dass ich in einem Haus sah. Vielleicht liegt es daran, dass der Schotte nicht beim Biedermeier mitgemacht hat und nun durch die CCTV-Videoaufnahmen in der Öffentlichkeit auch in die Wohnungen ein anderes Verständnis von Privatsphäre, als wir Deutschen.

Vom Calton Hill aus hatte ich etwas außerhalb des Stadtkerns einen Berg im Holyrood Park, oder besser gesagt den Holyrood Park gesehen. Es schien ohne Auto nicht ohne weiteres erreichbar zu sein, aber nachdem ich einen Bummel die Royal Mile hinunter machte, stand ich plötzlich am Fuß des Bergs und musste nur noch eine Straße überqueren. Der Aufstieg dauerte länger als erwartet und auch der Weg war nicht annähernd so befestigt oder gut ausgebaut, wie ich bei der Menge an Leuten, die sich den Berg hoch quälten angenommen hatte. Einige drehten auch nach der Hälfte um und gingen zurück. Mein Schuhwerk war auf einen Stadtbummel ausgelegt, nicht auf eine spontane Bergwanderung auf rutschigen Wegen mit losem Geröll. Der Ausblick entlohnte letztendlich allerdings die Strapazen. Natürlich waren auch dort oben wieder Deutsche unterwegs. Beim Abstieg kam ich mit ihnen ins Gespräch. Sie gehörten zu einer Gruppe Studenten, deren Stiftung zu Wochenendworkshops nach Edinburgh eingeladen hatte. Ähnlich wie letztes Jahr in Berlin kam ich ungeplant auf eine Dinnerparty. Diesmal in der schottischen Nationalgalerie. Erst gab es eine Privatführung durch die Ausstellung und anschließend ein Drei-Gänge-Menü mit reichlich Wein dazu. Ich hatte zudem das Glück, die wohl coolste Frau auf der ganzen Veranstaltung zur Tischdame zu haben. Alles in allem sein gelungener Abend. Noch einmal Danke dafür, Saba.

Tags darauf schlief ich aus, drehte mich dann noch einmal um und ging später zum Strand. Erst wollte ich nur eine kleine Runde drehen, daraus wurde dann aber ein ausgedehnter Sonntagsspaziergang den Portobello Beach entlang. Während mir der Brandungswind um die Ohren pfiff und die Gischt an den Strand trieb, kam ich das erste Mal dazu wirklich bewusst abzuschalten. Statt Musik oder Podcast hörte ich einfach dem Rauschen der Wellen zu. Für die restliche Zeit werde ich mir keine Pläne mehr machen und einfach sehen, was Schottland noch für mich bereit hält.

 

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