Ein ruhiger Abend im Bordrestaurant.

Im Bordrestaurants des IC war nichts mehr los. Die Belegschaft hat elektronische Musik aufgelegt, deren Rythmus sie, einer Dampflock gleich, durch die Schicht treibt. Ein Gast im Anzug schläft am Vierer-Tisch. Vor ihm ein halb ausgetrunkenes Helles und die Tageszeitung, die Ihre Schuldigkeit für heute getan hat. Eine ist mit Laptop, iPad, iPhone und einem weiteren Smartphone ausgestattet. Sie arbeitet scheinbar noch und hört dabei Musik über Kopfhörer. Die ständigen Hinweistöne ihrer Geräte überhört sie dabei und so fügen sich Pieps- und Brummgeräusche asynchron in die Musik des Wagons ein. Ich würde auch gerne dem Eskapismus hingeben, doch habe ich meine Kopfhörer im Urlaub irgendwo verlegt oder irgendwo verloren.

Schon vorhin am Bahnsteig wäre ich einem Gespräch gerne entgangen. Während ich wartete sprach mich ein hagerer Typ an. Seine Tattoos links und rechts am Hals komplettierten das Bild des vermeintlichen Möchtegern-Gangsters. Er wollte nach Sachsen-Anhalt fahren, um sich dort einen Kampfhund abzuholen und offenbar war ihm meine Meinung dazu sehr wichtig. Schließlich kam er extra zum Ende des Bahnsteigs gelaufen, um mich zu fragen. Ob ich selbst ein Tier hätte, wollte er wissen. Ein Tier hätte ich zwar nicht, aber mit Schweinen, Rindern und Geflügel sei ich aufgewachsen. Er wusste meine Antwort nicht einzuordnen und blieb kurz stumm. 64 cm sei der Hund groß, sagte er nach seiner Denkpause und hangelte sich an seinem letzten Gedanken durch das Gespräch. Es sei ein liebes Tier. Nur manchmal sei es aggressiv. Das läge allerdings an den bisherigen Besitzern. Ich schätzte den Typen auf 1 Meter 60 und stellte mir vor, wie er versuchen würde, das Tier zu halten, wenn dieses abrupt einem Hasen oder Radfahrer hinterher wollte. Ein heilloses Unterfangen.

Zu dem Tierfreund gehörte sein Onkel, wie ich bald lernte. Ich hatte den heruntergekommenen Typen mit kurzem, ungekämmten grauem Haar schon bemerkt als ich den Bahnsteig betrat. Unfreundlich und ordinär kommentierte er jeden, der an ihm vorbei ging. Bei ganz klarem Verstand schien er nicht zu sein und so scherte sich niemand der Passanten ernsthaft darum. Und nun kam der Störenfried zu uns rüber und suchte scheinbar Streit. Ich überging seine aggressiven Kommentare und unterhalte mich weiter freundlich mit seinem Neffen, während meine Gedanken „Der Mensch ist auch nur ein Tier.“ knurrrten. Nicht ungern würde ich dem Drecksack für seine Unverschämtheiten eine langen. Die Fingerknöchel massierend bleibe ich sitzen. Da dem hageren aber auch schon bald keine Fragen zu Hunden mehr einfallen, die ich ihm beantworten könnte und die Plätze neben mir mit Gepäck zugestellt sind und eh keinen Platz für drei böten, gehen die beiden Nervbolzen dann aber auch bald. Man müsse ja auch zum Zug auf dem anderen Gleis.

„Kann ich hier Platz nehmen?“ Ein Mann mittleren Alters stand neben meinem Tisch im Bordrestaurant. Er trug ein Jacket, dass sich nicht entscheiden konnte beige oder braun zu sein und das an seinem Körper auch keine Form annehmen wollte. Das Haupthaar sah aus wie gerauft und unter den Arm geklemmt hielt er seinen Laptop. Ich nickte ihm zu. Er drehte sich auf der Stelle und setzte sich schräg gegenüber auf der anderen Gangseite an einen freien Tisch für zwei. Kaum saß er klappte er den Laptop auf. Aber schon nach einer halben Minute klappte er ihn wieder zu, stand auf und verschwand mit schmalen Lippen. Vermutlich hatte er auf WLAN-Zugriff gehofft. Das gab es hier aber ohnehin nicht. Ich wusste das, denn das leere Browserfenster hatte mich auf der Fahrt schon mehrfach angestrahlt. Und so gucke ich stumm aus dem Fenster in die vorbei rauschende Dunkelheit und lasse mich vom Verhalten der, sich im Fenster spiegelnden, Mitreisenden irritieren.

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