Ganz großes Kino: Gravity

TL;DR: Gravity ist unglaublich eindringlich, wunderschön anzuschauen und bahnbrechend umgesetzt. Unbedingt im Kino gucken.

Offizieller Trailer [ ENG | 2:22 | Link ]

Youtube.com / Warner Bros. Pictures

Vor kurzem drohte mir meine Freundin an, nötigenfalls alleine ins Kino gehen zu wollen, wenn ich nicht mtkäme. Der Film? Gravity.

Und ich kann sie gut verstehen. Ich gehe nicht mehr oft ins Kino, aber dieses mal hat sich wirklich gelohnt. Wir sahen ihn in OV und 3D, was ich jeweils dringend anraten möchte. Ersteres gar nicht so sehr wegen der gräulichen Synchronstimmen, sondern weil der Ton ein zentrales künstlerisches Element dieses Films ist und unter der Neuvertonung sicherlich nur verlieren kann. Letzteres, da der 3D-Effekt gezielt eingesetzt wird, um Nähe oder Distanz zu erzeugen und den Zuschauer tatsächlich besser in den Film zieht. Und das, ohne jemals wirklich billig zu wirken.

Da der Film viele klassische Themen verwendet und mit zwei Schauspielern eine wirklich minimalistische Besetzung hat, rücken seine anderen Seiten noch stärker in den Vordergrund: Da ist zum Beispiel die Kamera, die von der Totalen in den Astronautenhelm schwenkt, ohne Schnitt. Und da sind die Bilder des Planeten im Hintergund, mit tollen Sonnenaufgängen, Nachtlandschaften un Polarlichtern. Und nicht zuletzt die realistischen Raumschiffe und Stationen, die nicht nur für Tech Nerds beeeindruckend gut aussehen.

Die sehr gut eingesetzten 3D-Effekte verstärken diese tollen Bilder noch. Man fühlt sich hineingezogen in die Action, wenn man zusammen mit der Hauptdarstellerin knapp an der ISS vorbeischrammt oder Werkzeuge Richtung Kamera davontreiben. Aber man spürt auch viel stärker die Distanz in einigen Szenen. Auch die Beleuchtung trägt ihren Teil dazu bei, denn sie ist bahnbrechend realistisch. Geht die Sonne über dem Horizont der Erde auf oder wird ein Astronaut herumgeschleudert, fallen Licht und Schatten immer realistisch auf die Gesichter.

Dafür hat eine speziell entwickelte „Light Box“ gesorgt, deren LED-Wände das Filmgeschehen aus Sicht der Darsteller anzeigte und dadurch nicht nur für das richtige Licht sorgte, sondern den Schauspielern auch eine Referenz gab, was sie im Film später „sehen“. Dadurch wirkt die umfangreiche Green Screen-Arbeit wesentlich überzeugender als in vielen anderen Filmen.

Das alles wird aber meiner Meinung nach noch überboten vom Ton. Hier bricht Gravity gleich mehrere „Regeln“ des Filmgeschäfts und weckt gerade deshalb die stärksten Emotionen, die ein Film in den letzten Jahren bei mir auslösen konnte. Die erste Regel: Stimmen kommen im Kino immer aus dem Center Speaker, also mittig hinter der Leinwand. Die Stimme könnte bestenfalls noch von der Seite vorne kommen, aber keinesfalls von den Surround-Boxen. Auch, wenn die Stimme in der Szene eigentlich von „hinten links“ aus dem Off kommt und sogar die Schauspieler dort hinschauen. Die Überlegung: Der Zuschauer wird sonst aus dem Bann der Leinwand gerissen und dreht sich schlimmstenfalls noch von ihr weg.

Gegen diese „Regel“ verstößt Gravity des öfteren, aber auf geschickte Weise. Die Stimme eines in weiter Ferne außerhalb der Kamera im All treibenden Astronauten wandert zum Beispiel quer durch den Filmsaal, ist aber anfangs verrauscht und nur schwach zu hören. Mit zunehmender Nähe wird sie erst klarer und lauter und wird so von „Hintergrundgeräusch“ langsam zu einem „Vordergrundelement“. Das ist anfangs ungewohnt, und erzeugt regelrecht Unbehagen. Etwas, das ich normalerweise nicht im Kino fühle, fühlen sollte!

Eine zweite „Regel“, oder eigentlich mehr ein üblicher „Fehler“ vieler Filme im Weltraum: Schall im All. Oft wird schlicht ignoriert, dass im luftleeren Raum keine Geräusche übertragen werden, wie man das auf der Erde kennt. Hier geht Gravity einen anderen Weg. Was wirklich im luftleeren Raum passiert, hört man nicht, genauso wie die Astronauten. In dieser Stille übernimmt der Score die Hauptarbeit. Hier wurde bewusst nicht auf „Orchester“-Sound gesetzt, sondern eher auf mechanische Geräusche, die aber mit entscheidenden Momenten im Film synchronisiert sind. Das füllt die akustische Leere, ohne den Realismus aufzugeben.

Haben die Darsteller jedoch körperlichen Kontakt, beispielsweise mit einer Raumstation, hört man die Infraschallschwingungen, die so übertragen werden können, vom surrenden Elektrowerkzeug bis zur dröhnenden Explosion. Steigt der Luftgehalt in der Schleuse, werden auch die Geräusche der Station lauter. Geht der Kopf unter Wasser, wird alles dumpf. Auch so schafft es Gravity, dass ich mich stärker als gewohnt mit den Darstellern identifiziere und an ihrem Schicksal teilhabe.

Das ging so weit, dass mich meine Freundin daran erinnern musste, dass dies alles nur Film sei und es den beiden gut ginge. Ich war zwischenzeitlich felsenfest der Meinung, dass diese ganze „Raumfahrt“ Irrsinn sei und gefälligst alle sofort wieder da runter kommen sollten. Auch auf dem Heimweg und am nächsten Tag ließ mich das Gesehene nicht los. Und nicht zuletzt diese „Wall of Text“ ist Beleg dafür.

Aber das scheint schließlich auch das Motto des ganzen Films zu sein: Bloß nicht loslassen.

Interview mit dem Regisseur [ ENG | 3:31 | Flash | Link ]

SPACE.com / Warner Bros. Pictures

Eine Antwort auf „Ganz großes Kino: Gravity“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.