Ich hätte einen Zug früher nehmen sollen.

Bildschirmfoto 2013-04-21 um 00.16.05
Ich fahre gerne Zug. Es ist, wie ich finde die angenehmste Art zu reisen, sofern der Zug nicht zu voll ist und man einen Sitzplatz hat. Jeder im Wagon hat den Anstand sich ruhig zu verhalten, etwas zu lesen oder mit Kopfhörern etwas zu hören. Einige dösen einfach vor sich hin. Das gefällt mir gut. Nur eine ältere Frau telefoniert auf diese penetrante Art, wie es mir bisher nur in Zügen begegnet ist. Und diese Frau sitzt mir direkt gegenüber. Wenn es ein kurzer Anruf wäre, könnte ich darüber hinweg sehen. Aber diese Frau muss ihrem Gesprächspartner jetzt alles mitteilen, was ihr durch den Kopf geistert. Ab und an bricht das Gespräch ab, da die Funkversorgung im ländlichen Raum noch nicht flächendeckend ist. Und jedes mal muss ich ein wenig schmunzeln, da die Frau immer verständnislos mit dem Kopf schüttelt und stumm vor sich hin schimpft. Sie wird sich kurz gewahr, dass sie nicht allein im Abteil sitzt und schaut, ob jemand bemerkt hat, dass sie sich ärgert. Als sie meinen Blick trifft lege ich den Kopf leicht schräg nach vorn und versuche ihr damit meine ganze Unverständnis auszudrücken. Da ihr das „Are you fucking kidding me?“-Meme offenbar unbekannt ist, nimmt sie die Geste auf, als ob ich ganz auf ihrer Seite wäre und versucht auf’s Neue einen Anruf aufzubauen. Es klappt nicht. Sie wartet kurz, versucht es erneut und ihr Gesicht entspannt sich ein wenig.

Ja? … Hallo? … Mhm. … Hmh. … Ja. … Ne, und was war mit unserer Bestellung die wir da bei Ihnen gemacht haben? … Hm. … Ja. … Hm. … Hm. … Aha. … Ach. … Mhm. Kauft keiner mehr. … Mhm. … Ja. … Ja. … Jaja, kommt uff den gleichen Bahnsteig gleich. Brauch ick ja nur aussteigen. … Ja dann hab ick ja noch Creme jekricht, … Hallo? Hörst du mich schon wieder nicht? … Ja. … Ick hab noch ’ne große Cremetube jekricht. Die is janz schön schwer. … Musste ick och noch in meinen Rucksack kriejn. Aber jeht schon. … Ja. … Ja, also. … Jaja, wenn Christin da is. … Naja, aber ob ick dit mache, weiß ich noch nicht. … Gestern war’n wa ja erstmal in Kiel. Aber jestern war keener da. Wenn ick dit jetzt jewusst hätte. Finde dit blöd. … Mhm. … Ja. … Mhm. … Naja. … Ja. … Jaja, machen wir. … Aber dass du keen Parkplatz suchen musst. … Hallo? Hörste mich nich?

In nicht einmal einer Stunde wird sie ihren Gesprächspartner gegenüberstehen und ihm nicht mehr zu erzählen haben. Ich muss glücklicherweise nicht die ganze Fahrt mit ihr verbringen.

Das letzte Stück meiner Reise lege ich mit der Regionalbahn zurück. Betreiber der Linie ist neuerdings die Ostdeutsche Eisenbahngesellschaft, die im Auftrag der Deutschen Bahn fährt. Was sich seit dem geändert hat? Der Zug hat eine andere Farbe, ebenso die Sitzbezüge und mindestens ein Bahnhof auf der Strecke wird nur noch alle zwei Stunden angefahren. Auch neu ist die Haltestellenansage mit dem Zusatz: „Sehr geehrte Fahrgäste, bitte steigen Sie vorsichtig aus.“ Durch die weibliche Computerstimme klingt dies mehr nach einer Warnung, als nach einem gut gemeintem Hinweis. Dazu habe ich heute noch das Glück, dass eine Fahrgastumfrage durchgeführt wird. Da ich Feedback wichtig finde, erkläre ich mich bereit an der Befragung teilzunehmen. Sie wird durch geführt, von einem hageren Mann mit abgelaufenen Turnschuhen und einem ausgewaschenem T-Shirt. Er trägt ein rotes Bändchen des Verkehrsverbundes um den Hals, an dem ein Schild hängt, das sich mit „Befragung“ ausweist. Müsste ich mich auf eine Berufsbeschreibung festlegen, Ein-Euro-Jobber wäre es. Der Herr müffelt ein wenig und schafft es auch nicht durch sein großes Smartphone einen kompetenten Eindruck bei mir zu hinterlassen. Das liegt unter anderem daran, dass er sowohl mir, als auch den Befragten zuvor sagte, dass es mit Zettel und Stift besser ginge. Vor allem aber, da er mit dem Gerät auch sonst völlig überfordert scheint. Die Befragung beinhaltet nur Fragen zur Art des Fahrkartenkaufs, wo man zugestiegen ist und bis wo man reisen möchte und wie die Reise von Zielbahnhof fortgesetzt wird. Wie mir das neue Ambiente gefällt wird nicht gefragt, so dass sich nach der kurzen Befragung bei mir nur den Schluss zulässt, dass es hierbei nur um eine Maßnahme handelt, die zur Prozessoptimierung (Kostenersparnis) führen soll.
Ich bin gespannt, ob irgendwann ein wirtschaftlicher Anreiz zum Betrieb aus bleibt und die Strukturschwäche noch weiter verstärkt wird.

Eine Antwort auf „Ich hätte einen Zug früher nehmen sollen.“

  1. „Wie mir das neue Ambiente gefällt wird nicht gefragt, so dass sich nach der kurzen Befragung bei mir nur den Schluss zulässt, dass es hierbei nur um eine Maßnahme handelt, die zur Prozessoptimierung (Kostenersparnis) führen soll.“

    Natürlich können die Daten auch dafür verwendet werden. Der eigentlich Grund warum sie erhoben werden, ist aber ein anderer. Die Deutsche Bahn hat bis auf wenige Ausnahmen immer noch ein vollständiges Monopol beim Fahrkartenverkauf. Um zu berechnen, in welchem Umfang sie daran die einzelnen „privaten“ Bahnen beteiligen muss, werden in regelmäßigen Abständen Fahrgasterhebungen durchgeführt.

    Wirtschaftlich lohnen sich Regionalbahnen ohnehin vor allem, weil sie von den Bundesländern massiv subventioniert werden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.