Indienreise: Tag 1 Der Weg nach Shimla

Ich weiß gar nicht, ob der Taxifahrer wusste, worauf er sich einlässt, als wir ihn am Flughafen heran winkten. Ich wusste es zumindest nicht. Zum Sonnenaufgang um 3 Uhr Nachts Hamburger Ortszeit, hatten wir Dubai bereits hinter uns gelassen und frühstückten auf dem Weg nach Neu-Delhi Paneer mit scharfem Curry. Doch die 12 Stunden Flug und das überraschend scharfe Frühstück waren ein Klax im Vergleich zu allem was uns noch bevorstand. In einer kleinen Delegation von 6 Leuten reise ich nach Indien, um dort eine Hochzeit zu feiern.

Wir hatten vor kaum einer Minute das Flughafengelände verlassen, als wir bereits von der Polizei aus dem Verkehr gezogen wurden. Der Vater der Braut, der extra nach Neu-Delhi kam, um uns abzuholen und auch das Taxi organisiert hatte, konnte uns nicht sagen, weshalb wir plötzlich da standen. Die Polizei kam auch nicht zum Wagen, also stieg der Fahrer aus und ging ein Stück die Straße runter, um mit der Polizei zu reden. Vielleicht ging es um die Koffer, die wir vorher mit einem Strick auf’s Dach geschnürt hatten, um genügend Platz für alle Leute im Auto zu haben. Vielleicht fuhr er auch einfach zu schnell. Und vermutlich wurde sich dann entgeltlich geeignet, dass wir weiterfahren dürfen. Ob das geschah, kann ich nicht sagen, da wir alle von einem Passanten abgelenkt wurden, der an uns vorbei die sechsspurige Straße entlang ging, als wäre es das ein ganz normaler Gehweg und für den sich die Polizei auch nicht im Geringsten interessierte. Das war die erste Begegnung mit dem indische Straßenverkehr, die uns überraschte, aber bei weitem nicht die letzte.

Der krasseste Unterschied zum deutschen Verkehr ist die Hupe. Vornehmlich wird die als Blinker eingesetzt. Den Blinker benutzt man hier nur selten. Und wenn dann wohl nur, um dem Vordermann zu zeigen, wo er hinzufahren hat und nicht um zu zeigen wo man selbst hin will. Es wird also gehupt wenn man steht, wenn man losfährt, wenn man abbiegt, wenn man überholt, wenn der Gegenverkehr auf der eigenen Spur entgegen kommt, oder man selbst in den Gegenverkehr fährt und was mich dann unerwartet traf, auch zum Gruß. Es kommt auch schon mal vor, dass man rechts und links gleichzeitig auf zwei Spuren überholt wird während einem auf dem Standstreifen ein Fahrrad entgegen kommt. Dann wird man natürlich von zwei Seiten mit langem Hupen darauf hingewiesen, dass man gerade überholt wird und hupt selbst, weil die anderen ja nichts auf der eigenen Spur verloren haben.

Hier könnt ihr euch mal eine Minute davon anhören:

 

Die Spurlinien auf der Straße werden nur als generelle Führungslinie angesehen. Wo gerade noch eine Lücke war, hupt sich im nächsten Moment ein Moped, ein Auto oder einer der geschmückten und bemalten Blowhorns hinein. Die Blowhorns sind das LKW-Modell schlechthin in Indien und zeichnen sich dadurch aus, dass sie überall lang fahren, dabei eine Höchstgeschwindigkeit von 40 km/h haben und auf der Rückseite BLOW HORN (Hupen) aufgepinselt haben. Manchmal mit den Zusatz nachts die Aufblende zu nutzen. In den Spiegel wird hier nicht so häufig geschaut. Bei vielen Autos sind die sogar eingeklappt, um besser in die schmalen Lücken zu passen, oder fehlen ganz und gar.

Neu-Delhi ist definitiv die staubigste Stadt, in der ich jemals war. Wir schniefen häufig, um die Nase vom Staub zu befreien, der der gesamte Stadt einen grau-braunen Ton verleiht. Dazu ist es sehr warm. Noch vor einigen Stunden bin ich mir Schal und Handschuhen zum Flughafen aufgebrochen. Gut, dass wir hier nur auf der Durchreise sind. Es dauert trotzdem fast zwei Stunden, bis wir es aus dem Stadtgebiet geschafft haben.

Indische Motorradfahrer tragen meistens einen Helm. Wobei diese Helme ihrem Aussehen nach auch Familienerbstücke sein müssen, die ihre besten Tage beim Großvater hatten. Auf dem Sozius fährt manchmal deren Frau mit. Wegen des Saris, ist sie hinten seitlich aufgerückt. Ab und an sitzen noch Kinder dazwischen, oder auf dem Tank, oder beides. Der Grundsatz „Ein Moped, ein Helm“ bleibt davon allerdings unangetastet.

Die Geschwindigkeitsbegrenzung von 80 km/h macht die verrückten Spurwechseln halbwegs sicher, da irgendwie doch ein in sich geordneter Verkehrsfluss zustande kommt. Am Straßenrand stehen fortweg Häuser, als ob es außerhalb der Städte keine richtigen Siedlungen gibt, sondern sich das ganze Leben entlang des Highways abspielt. Alle paar Kilometer kommt ein Badha, was eher einem Trucker-Treff, als einem Gasthof entspricht. Sonderlich einladend wirkt die nach vorne offene Hütte nicht, aber wir können die geplante Strecke unmöglich ohne Pinkelpause oder Wasser wuppen. Auf der Herrentoilette gibt es die gewohnten Pinkelbecken. In der Kabine wartet allerdings nicht das gewohnte Keramikbecken. Stattdessen gibt es auf dem gekachelten Boden eine gerillte Keramikfläche, die die vornehmliche Fußposition vorgibt und dazwischen etwas, das aussieht, als hätte jemand versehentlich ein Pissour in den Boden eingebaut.

Wir beginnen nach einigen Stunden damit aufzuhören uns über einige Dinge hier zu wundern. Lediglich ein paar LKW-Fahrer, die auf dem nackten Hobel fahren schaffen es noch die Aufmerksamkeit aller Reisenden zu erhaschen. Und wenn ich sage nackter Hobel, dann dürft ihr euch gerne einen LKW ohne Ladefläche vorstellen, bei dem das Führerhaus aus einer nennen wir es mal Sitzfläche, einem Lenkrad und einer Windschutzscheibe besteht.

Nach 5 Stunden Highway mit Speed Bumps, einigen Absätzen durch Straßenversatz und haufenweise Schlaglöchern wechselten wir an den Fußausläufern des Himalaya das Taxi und den Fahrer, der uns die letzte Etappe des Wegs fahren sollte. Der neue Fahrer hatte einen deutlich ruhigeren Fahrstil. Er hupte nur manchmal und überholte auch nur selten in der Kurve, als er uns drei weitere Stunden immer weiter ins Gebirge brachte. Von einer beschaulichen Berg- und Talfahrt hatte das ganze dann allerdings nur wenig. Wir freuten uns zwar über den schönen Sonnenuntergang, ärgerten uns dafür allerdings über den steten Fluss Gegenverkehrs, der uns mal ohne Abblende, mal mit zusätzlichen Nebelscheinwerfern, nur teilweise funktionaler Lichtanlage oder halt auch mal unbeleuchtet entgegen kam. Irgendwann hörte die Leitplanke auch einfach auf und der Abhang wurde nur noch durch halb so hohe Steine markiert. Das störte uns dann aber nicht weiter, da ein Großteil der 75 Kilometer langen Bergfahrt bereits unfallfrei hinter uns lagen und wir von der Reise bereits recht erschöpft waren. Ich hatte mir noch dazu einen ordentlichen Schnupfen eingefangen. Wenn wir durch einen Fahrfehler über den Hang geschossen wären, wär mir das in dem Moment auch recht gewesen.

Wir erreichten endlich Shimla und wurden bereits von der Brautfamilie erwartet. Tscherper nahmen uns das Gepäck ab und trugen es den Hang hinunter zum Haus. Dort wurde wir dann mit allen Ehren begrüßt. Die Eltern legten uns Blumenkränze um, streuten uns Blüten auf den Kopf und drückten uns einen farbigen Punkt auf die Stirn. Auch wenn alle sehr müde waren und wir am Liebsten direkt ins Bett gefallen wären, machten wir zuerst eine Vorstellungsrunde mit den Brauteltern, Tanten und Nachbarn, die gerade im Haus waren. Dann aßen wir noch Abendbrot bevor ich nach 33 Stunden auf den Beinen ins Bett fiel. Wir sind tatsächlich in Indien.

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