Indienreise: Tag 12 Kathleeghat und zurück

Es ist 7 Uhr 50 und wir stehen bereits am Bahnhof in Shimla. Der Ticketschalter ist noch nicht geöffnet und wir warten im Schatten der Station, dass der Station Master zur Arbeit kommt. Das Hupen der Autos in den Straßen häuft sich langsam. Die Stadt erwacht. Der Zug rollt knapp nach 8 Uhr 20 ein und ist damit für indische Verhältnisse überpünktlich. Durch die speckige Scheibe unseres Wagons sehe ich schon ein paar Schulkinder sitzen und während wir einstiegen kreischt uns Bollywoodmusik aus einem Handylautsprecher entgegen, fast so als würde ich in Hamburg Billstedt in die U-Bahn steigen. Der Zug setzt sich in Fahrt nimmt seine vorgegebene Route talwärts, immer am Hang entlang. Am ersten Bahnhof steigen ein Dutzend Leute dazu. Darunter ein Dahl-Verkäufer mit einem 10 Liter Blecheimer voller Bohnen, die er in kleinen Pappschälchen an die Mitreisenden bringen will.
Mit gleichmäßigen Trommel auf den Gleisen setzen wir unsere Fahrt fort und langsam wird mir klar, weshalb der Zeug hier in der Gegend nur ‚Toy Train‘ genannt wird. Mit maximal 25 km/h schuckeln wir uns durch die Gegend. Wenn die schwarzhaarigen Inder und der hier typisch sandige Geruch nicht wäre, könnte ich mich auch gerade auf dem Weg zum Brocken befinden. Nur dass die Fahrkarte mit 10 Rupien um ein vielfaches günstiger ist. Im Vergleich zu den Autofahrten bisher ist das hier der reinste Wellness-Urlaub. Am Streckenrand liegt haufenweise Müll und vor den Büschen hockt einer und kackt in die Landschaft. Pablo verpasst es ein Foto zu schießen, weil er zu baff ist. Überhaupt finden wir, dass sich der Blick in die Weite mehr lohnt als auf den Boden zu schauen.

Wir fahren mit der Bahn bis Kathleeghat und wollen von dort zurück. Der ursprüngliche Plan war bis Kalka durchzufahren und einen ganzen Tagesausflug zu machen. Nach einer Stunde mit singenden Kindern, laut rufenden Bohnenverkäufern, rußenden Zugmaschinen und verschmierten Fenstern reicht mir das aber auch als Eindruck.
Warum in Kathleeghat ein Bahnhof gebaut wurde weiß ich nicht. Der Reifenhandel, der Kiosk und drei an der Straße festgebundene Kühe scheinen aber als Grund ausgereicht zu haben. In Shimla wurde uns gesagt, dass eine Stunde nach Ankunft wieder ein Zug zurück führe. Hier weiß der Station Master nicht wann die Züge fahren. Heute seien alle Züge etwas später dran, erklärt er uns, und vermutlich käme der nächste Toy Train, der auch hier hält, in drei Stunden. Ich überlege wie schwierig es sein kann auf einen der früher fahrenden einfach aufzuspringen. Doch erst einmal beschließen wir in der Sonne zu sitzen und die Wärme und die Ruhe zu genießen. Im Newsstream lese ich auf meinem Smartphone, dass sich ein Orkantief auf Hamburg zubewegt.

Als auch nach über einer Stunde kein Zug kommt, beschließen wir den Bus zurück nach Shimla zu nehmen. Wir gehen hoch zu Straße und warten dort auf einen Bus, wo wir auch schon vorher ein paar Busse halten sahen. Der nächste, der kommt ist natürlich schon proppenvoll und der Ticketverkäufer trillert mir mit seiner Pfeife in dem Moment ins Ohr, als ich beim Besteigen den letzten Fuß vom Boden nehme. Das war das Signal für den Fahrer die Kupplung springen zu lassen und das froschgrüne Blechmonster loswackeln zu lassen. Die Tür fällt dabei quasi von selbst zu. Weiter als bis auf die Treppe komme ich erstmal nicht. Aus den drei strategisch im Kopfraum verteilten Boxen dröhnt Jumme Ki Raat  in Schleife bis es dem Fahrer langweilig wird und er das Radio abschaltet. Röhrend schleift sich der Bus den Berg hinauf und hält ab und an bei Bushaltestellen, die keine sein können. Vermutlich musst man hier nur am Straßenrand die Hand gehoben werden, um den Zusteigewunsch zu äußern.

Während der Busfahrer in den Badezimmerrückspiegel mit der Aufschrift „Have a nice time.“ grinst, versuche ich mich nicht von Schlaglöchern umwerfen zu lassen und verkante mich in einer Sitzbank, sobald ich die Möglichkeit dazu habe. Beim Aussteigen drücke ich den verklemmten Griff der Tür mit Schmackes nach unten und ramme mir dabei eine hervorstehende Schraube des Türschlosses in die Fingerknöchel. Fluchend trete ich in den schmalen, am Straßenrand verlaufenden Jauchekanal als ich den Bus verlasse. Have a nice time.

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