Indienreise: Tag 13 Where is the good in Goodbye

Schlag 10 haut der Trommler in der benachbarten Schule auf die Pauke. Auch der quäkende Trompeter ist wieder dabei. Wir rappelten uns auf und gingen das letzte Mal indisches Frühstück essen. Heute Abend war Abreise.
In einem der kleinen Straßen-Shops hatten wir vor ein paar Tagen tatsächlich noch Ansichtskarten gefunden, die ansehnlich sind. Auch auf der Viceregal Lodge gab es welche. Die waren zwar nicht schön, dafür aber Vintage. Auf der Poststation im Ort leckten wir etwas mehr als 100 Briefmarken, da nur 5 Rupienmarken zum erkauf standen, für eine international verschickte Postkarte aber 20 Rupien anfallen. Pablo überklebte viele seiner Erlebnisse. Er ließ tatsächlich nur das kleine vorgedruckte Feld für die eine Briefmarke frei und glaubte, dass er damit durchkäme. Als ob diese Vorgabe plötzlich eingehalten würde. Nach allem, was wir bisher in diesem Land gesehen haben. Pablo ist manchmal schon ein witziger Typ. Anschließend lagen wir noch etwas auf dem Bett rum und knabberten ein paar Chips, die wir noch vorher am Kiosk gekauft hatten. Sie schmeckten wie kalte Pommes, die zu lange in Ketchup gelegen haben.

Megha kam noch spontan nach ihrer Exmamesprüfung vorbei. Auch ein paar Tanten und sogar die 75-jährige Oma kamen zum Abendbrot vorbei, um uns zu verabschieden. Nach dem Essen will ich abräumen, doch Megha versucht mir den Teller aus der Hand zu nehmen. Im Rahmen einer kleinen Kulturaustauschkampagne sammele ich unter kurzem Protest auch die anderen Teller zusammen und bring sie in die Küche. Ich würde auch gerne abspülen, aber es ist der Mutter sichtlich unangenehm, wenn ich für mehr als die Geschirrrückgabe in der Küche bin.

Die Tscherpas haben unser Gepäck bereits den Berg hoch zum Taxi getragen und verladen, bevor wir am Haus aufbrechen. Onkel und Cousinen sind als Überraschung auch zu unserer Verabschiedung erschienen und warteten am Auto auf uns. Ich hatte darauf spekuliert, ohne große Abschiedszeremonie die Stadt verlassen zu können, aber das ist nun nicht mehr möglich. Ich bin etwas beschämt, von dem Aufriss, der hier seit Tagen für uns gemacht wird.

Wir fahren los. Unterwegs treffen wir oftmals auf Fahrzeuge ohne Rücklichter, dafür manche mit fahlem Warnblinklicht, die sich im Gegenlicht der Straßenlampen abzeichnen. Das ist so typisch Indien. Es bringt alles eine gewisse Romantik mit sich, aber sobald jemand den rostigen Truck nach deutschen Maßstäben bewertet und dafür vielleicht in eine vertragliche Inspektionswerkstatt karrt, wird’s düster. Trotzdem funktioniert es hier.

An Schlaf ist noch nicht zu denken. Seit wir die Berge verlassen haben ist der Verkehr dicht mit LKW. „Blow Horn“ und „Use Dipper At Night“ steht wie eh und je hinten drauf. Was mir auf der Hinfahrt noch als freundlicher Hinweis vorkam, wirkt jetzt in der Nacht, als wäre auf jede Heckklappe ein Fuckfinger gemalt. Keiner der Trucks macht Anstalten die Spur zu wechseln, oder eine Lücke frei zu lassen, wenn man auf sich aufmerksam macht. Der schnellste Weg nach Delhi ist eine Schlangenlinie links und rechts um die LKW herum. Gehupt wird selbstverständlich fortweg.

Indien ist das versetzungsgefährdete Kind, dass sich auf dem Schulhof prügelt und anderen Kindern von hinten die Haare ansengt. Indien macht seine Hausaufgaben nicht. Du hast die Hausaufgaben gemacht. Und Indien schreibt noch schnell von dir ab und reicht es dann vor dir beim Lehrer ein. Indien ist das Kind, mit dem du befreundet sein willst, um nicht in seinem Schwitzkasten zu würgen.

Ich bin froh, Indien besucht zu haben. Ich bin auch glücklich, dass ich so außerordentlich gut umsorgt wurde.
Es wäre mir recht gewesen, hätte Indien mich in den Arsch getreten und direkt von Anfang an auf den Topf gesetzt. Ich hätte gerne davon berichtet, wie schlecht die Reise war und unter was für unvorstellbaren Bedingungen die Leute in dem Teil der Welt leben. Stattdessen wurde ich mit offenen Armen und einem Lächeln von netten und zuvorkommenden Leuten empfangen, die zugegebenermaßen nicht im europäischen Luxus leben, aber sich so hervorragend auf die Widrigkeiten des Lebens dort eingestellt haben, dass es eine wahre Freude und ein Privileg ist, dort willkommen zu sein.

Noch ein paar Stunden Nachtfahrt und wir haben den Flughafen erreicht. Ich habe den Ellenbogen auf den Rucksack in der Mitte der Rückbank und stütze meinen Wange auf der Faust. Mit jeder Bodenwelle boxe ich mir selbst ins Gesicht. Indien, wir sehen uns wieder.

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