Super-Berlin-Express 747 III

Wie verbrannt muss man im Kopf sein, um ernsthaft in Betracht zu ziehen knapp 750 Kilometer am Stück fahren zu wollen. Mit dem Rad versteht sich. Vielleicht ziemlich. Zumindest was mich angeht. Eine knappe Woche lang saß ich in Brandenburg bei 30 Grad und knalle Sonnenschein auf einem Dach, um es neu einzudecken. Dabei muss es passiert sein. Die ganze Schose heißt Super Berlin Express und ging zu Pfingsten bereits in die dritte Runde. Seit Nummer eins hab ich die Fahrt auf dem Schirm. „Bescheuert.“, war mein erster Gedanke, doch mit den Jahren kamen die Kilometer. Hier mal 160 km zum Ahrberg, da mal 100 km an die Ostsee für nasse Zehen und Schnitzel bevor es direkt wieder zurück ging um Abends im eigenen Bett zu schlafen. Irgendwann war die Idee da zu meinen Eltern mit dem Rad zu fahren. 260 km an der Elbe lang. Und wo ich dann schon da war ging es nach einem Ruhetag weiter nach Berlin und von da mit dem Zug zurück. Die Erfahrung nimmt zu. Und nun das: Super-Berlin-Express.

Ich war mir schon sicher, dass ich es bis Hamburg-Berlin in einem Rutsch fahren kann. Die Strecke kenne ich im Prinzip. Um einem Schlafplatz in Berlin hab ich mir schnell gesichert und bekomme nur ein „Bist du sicher, dass ihr Hamburg-Berlin schafft? Naja musst du wissen.“ Als Antwort auf unser Vorhaben. Ich weiß, dass das für untrainierte Leute mit bockschweren Baumarkträdern unvorstellbar ist. Und ich weiß, dass es für mich schwieriger wird rechtzeitig aufzustehen, als die Strecke durchzutreten. Ein Checkpoint in Berlin soll der Teufelsberg sein. „Vom Teufelsberg ist es auch nochmal ’ne Ecke.“ kommt per Nachricht hinterher und bringt mich zum lachen. Die letzten Kilometer bis zum Bett machen es dann echt nicht mehr aus.

Ich hab für mich das ganze in zwei Etappen aufgeteilt. Start ist am Elbpark Entenwerder. Von da nach Geestacht, Lauenburg, Dannenberg, über Wittenberge, Havelberg und Rhinow nach Nauen. Dann einen Schwenk nach Potsdam und hin zum Teufelsberg und die Zitadelle in Spandau. Zurück geht es dann über Kremmen, Rheinsberg, entlang der Müritzseen nach Waren, dann quasi bergab und ziemlich direkt nach Schwerin und von da zurück an die Alster. Wie die anderen die Runde geplant haben, werde ich unterwegs erfahren.

Ich bin etwas zu spät dran, aber die anderen warten zum Glück. Zwei fahren die Runde nur ein Stück mit und verabschieden sich bevor wir das Hamburger Umland so richtig verlassen haben. Wir fahren weiter und sammeln Carola unterwegs ein. Sie war auch zu spät, hatte aber nicht damit gerechnet, dass wir später losfahren. So ist sie auf dem Track schon eine Weile vor uns gefahren, ohne es zu wissen, um uns einzuholen. In Bleckede essen wir Frühstück. Kaffe, Apfelkuchen und ein belegtes Brötchen. Die Pinkelpause müssen wir auf außerorts verlegen und da zerreißt es das Startfeld zum ersten Mal. Wir fahren den Kniepenberg hoch und treffen uns am Aussichtspunkt kurz wieder. Ich zieh mir noch kurz, die warmen Klamotten aus und fahr nun allein weiter. „Ab dem Kniepenberg geht‘s bis Hitzacker bergab.“ wurde mir hoch immer wieder versprochen. Tatsächlich muss ich feststellen, dass das eher ein Trend ist, der sich da abbildet, denn für bergab ist es immer noch ganz schön hügelig. Irgendwo auf den Feldwegen hinter Hitzacker hole ich Klaus ein. Er hatte sich schon früh zurückfallen lassen, um sein eigenes Tempo zu fahren und muss mich bei meiner Pause am Kniepenberg überholt haben. Letztes Jahr war er drei km/h zu langsam für die Truppe und hatte das ganze Jahr trainiert, erzählt er mir. Da die Gruppe nun aber so groß wurde, war sie auch dieses Jahr zu schnell. Bis Dömitz fahren wir zusammen. Ich halte noch kurz am Radladen, um meine unzufrieden stellende Taschensituation zu richten. Mit Kabelbindern zurre ich die Tasche zwischen Tubus und Sattel so zurecht, dass sie nicht weiter verrutscht. Für die nächste große Fahrt müssen es wohl doch richtige Bike-Packing-Taschen werden. Klaus wollte nicht warten und langsam vorfahren. Dabei muss er den Rückenwind bekommen haben, der mir anschließend als Gegenwind entgegenschlug. Die nächsten 50 Kilometer kann ich jedenfalls nicht aufschließen. Zwischendurch frage ich Passanten, ob sie andere Verrückte wie mich gesehen hätten. Ein altes Ehepaar antwortet freundlich „Zwei Kilometer noch.“ Ich verstehe nicht ganz. „Zwei Kilometer noch bis Lenzen.“, wird‘s etwas genauer. Als ich dem Paar erzähle, dass ich gerade aus Hamburg komme und noch nach Berlin will, fällt dem Opi vor Staunen fast das Gebiss raus. Omchen ist verwundert, dass ich keines dieser E-Fahrräder habe. Etwas ungläubig lasse ich die beiden zurück. Etwa zwanzig Minuten bin ich hinter den anderen erfahre ich ein Dorf weiter von einem, der die Sonne in seinem Vorgarten genießt. Da ich selbst in Wittenberge Mittag machen will, und die anderen sich schon Mittag an der Tanke gesichert hatten, fahre ich danach immer noch solo weiter. Havelberg, Rhinow und Nauen ziehen dahin. Ab Fahrland kommen die Mücken heraus und lassen mich bis Potsdam den Kopf runternehmen, um sie nicht ständig im Mund zu haben. In Berlin Spandau wartet die heiß ersehnte Spokes-Card – der Beweis, dass ich dabei war, in ihrem Versteck. Gegen 19:30 Uhr hatte sich der erste schon sein Kärtchen gesichert. Bis ich da bin muss ich noch ein paar Sehenswürdigkeiten abfahren. Zuerst über die Glienicker Brücke zum Teufelsberg. Zu Obsolete Majesty fahre ich in Berlin ein. ♫♪‚You leave no marks on concrete streets’.♫♪ Das stimmt soweit, allerdings hinterlässt der Weg hoch zum Teufelsberg einen deutlichen Eindruck. Auch mit etwas über 350 Kilometern Anlauf zieht es gewaltig in den Beinen. Runter werde ich mit dem schweren Gepäcksack allerdings ordentlich schnell. Der Kreis am Olympiastadion ist auch schnell gezogen. Ich wunder mich noch wo Mitten in Berlin hunderte Leute in bayrischer Tracht herkommen, als ich zum Waldstadion einbiege. Nach dem was ich aufschnappte hat Andreas Gabalier wohl keine Zugabe gespielt und ich möchte jetzt bitte einmal durch den Pulk. An der Zitadelle in Spandau sammele ich kurz vor Mitternacht mein Kärtchen aus dem Versteck und fahre noch eine Stunde zu meinem Bruder, wo das Sofa schon fertig gemacht ist.

Als ich wieder wach bin, sehe ich im Live-Tracking, dass ein paar noch oder schon wieder fahren. Ein paar andere haben es bis Neuruppin geschafft und sind dort in den Zug gewechselt. Zwei sind in Berlin geblieben. Mein Plan ist irgendwas dazwischen. Auszuschlafen war für mich nötig. Ich möchte den Track gerne zu Ende fahren, werde aber nicht die komplette Runde zurück schaffen, bevor Pfingsten vorbei ist. Ich werde also bis Schwerin mit dem Zug abkürzen und dann den Rest schaffen.

Im Zug schnacke ich kurz mit der Schaffnerin über unsere Tour. Ihre Gesichtszüge sind dabei irgendwo zwischen Unglaube und Begeisterung gefangen. Kaum sitze ich, fallen mir die Augen zu. Trotz acht Stunden Bettruhe bin ich noch immer kaputt. So richtig zum schlafen komme ich nicht. Zumindest glaube ich das. Als ich die Augen wieder aufmache, starrt mich einer vom gegenüberliegenden Sitz an. Es muss schon komisch aussehen, wie ich in kompletter Radkluft und mit dem Helm auf am Fester lehnte. Mein Mund war offen und vermutlich habe ich auch geschnarcht. Die Weingummis auf der linken Rückseite des Radjerseys sind wegen der Wärme zu einem Klumpen und zu allem Überdruss mit dem Stoff verschmolzen. Immerhin bin ich vor Schwerin wachgeworden und nicht erst in Wismar. Ich schiebe mein Rad aus dem Zug und werde mit „Na dann…“ von der Schaffnerin verabschiedet. „Auf nach Hamburg.“ nicke ich ihr zu und beginne die weitere Rückreise per Pedales.

Das Wetter könnte ich mir kaum schöner wünschen. Die Mittagshitze hat sich verzogen und der Wind ist längst nicht so wild wie am Vortag. Es geht am Schweriner See entlang aus der Stadt heraus und Richtung Wittenburg. An einer Bushaltestelle in Zarrentin mache ich dann Pause, esse etwas und ziehe ich mir längere Beinlinge an. Unterwegs nach Mölln überholt mich ein grauhaariger Mann auf seinem Rennrad. Ich sehe schon ein Stück voraus, dass es leicht bergab geht und wittere meine Chance für Windschatten. Mit dem Gewicht unterm Hintern rolle ich tief in den Lenker gebeugt an den Rennfahrer heran und sauge mich in seinem Windschatten die nächste Anhöhe aus der Senke heraus. Er wirkt überrascht, als wir zusammen ins nächste Dorf einfahren. Ich frage ihn, ob er eine kleine Sonntagsrunde fährt. Etwas brüskiert antwortet er, dass er schon bei Kilometer dreiundvierzig ist. Als ich ihm sage, dass ich gestern Hamburg-Berlin fuhr und gerade Schwerin-Hamburg wegtrete, wünschte er mir viel Spaß und biegt die nächste Möglichkeit links weg.\
In Mölln stelle ich fest, dass dies ja die Stadt war in der Till Eulenspiegel seinen Schabernack getrieben hat und mache erneut eine Pause. Allerdings eher unfreiwillig. Mir war die letzten Kilometer immer mehr aufgefallen, dass das Vorderrad zu schlingern begann und sich immer mehr aufschaukelte, wenn ich freihändig fuhr, um den Rücken kurz zu strecken. Das Steuerrohr muss sich über die Strecke lose geschuckelt haben. Ich überlege eine ganze Zeit, ob ich mich da allein daran trauen soll, oder auf die Leute hinter mir warte, die die komplette Runde fahren, ohne mit dem Zug abzukürzen. Ich entscheide mich dazu selbst Hand anzulegen. Viel schlimmer kann es nicht werden, das Werkzeug hab ich dabei und falls doch was schief geht, kommt in einer Stunde der nächste Reisende vorbei. Die drei Schrauben sind schnell gelöst und wieder ordentlich angezogen, so dass es ohne wackeligen Lenker weitergehen kann. Zumindest dachte ich das. Nach Breitenfelde ist eine lange Baustelle und der Asphalt von Straße und Radweg sind abgefräst, was es zu einer anständigen Rüttelpartie für die nächsten Kilometer macht. Ich bin dennoch froh, den Lenker festgezogen zu haben, bevor er auf dem Stück die Chance hatte ganz lose zu werden.
In Kronshorst sehe ich ein rotes Radrücklicht vor mir aufleuchten und meine für einen Moment jemand anderen eingeholt zu haben. Als ich das Licht fast eingeholt habe, biegt der Track allerdings nach Links ab und ich sehe sogar zwei Räder geradeaus weiterfahren. Ich folge dem Track und sehe wenige Minuten später wieder ein Licht vor mir, das unregelmäßig flackert. Als ich näher dran bin erkenne ich das Rad mit Licht und eins ohne, immer wieder Ihre Spur kreuzen. Offenbar sind es angetrunkene Jugendliche auf den Rädern Ihrer Mütter auf dem Weg zum nächsten Dorf. Ich hab noch gute Beine, rufe den beiden zu, dass ich Links vorbei komme und lasse die beiden in der Dunkelheit hinter mir zurück. Aus dem nächsten Dorf tönt Musik und kaum fahre ich um die Kurve, mache ich eine Vollbremsung, da ein Polizeiwagen quer über die Straße steht. Dahinter ist die Straße voll mit angetrunkenen Heranwachsenden. Es ist Pfingstfest in Stemwarde. Ich zirkele langsam um die Schnapszombies, die vom Lärm angezogen werden und sehe zu, dass ich schnell Strecke zwischen uns bringe. In Hamburg bin ich noch nicht einmal durch Billstedt gefahren, bevor ich von einem SUV-Fahrer angehupt werde. Die Ampel vor uns springt von Grün zu Gelb. Für mich ist es zu spät abzubremsen, zumal der Wagen hinter mir drängelt. Ich fahr bei Gelb über die Kreuzung, der Wagen wohl nicht mehr. Dafür fährt er anschließend noch kurz neben mir um mir etwas über Radwege zu erzählen. Ich kenne meine alte Hood gut genug, um einen Radweg von einem Fußweg unterscheiden zu können und habe keine Lust auf die fruchtlose Diskussion. Ich fahre meinen Stiefel, das Auto überholt endlich und biegt die nächste Möglichkeit rechts ab. Der Mann wird schon seine Gründe haben mitten in der Nacht eilig in die 30-Zone zu kommen. An der Horner Rennbahn hole ich mir noch einen Lahmacun gegen den Hunger und beende die Tour an der Alsterwiese. Jetzt nur noch kurz heim und ab unter die Dusche.

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