Kopenhagen ohne Rad

Das Jahr neigt sich dem Ende und der Chef will, dass ich meinen Resturlaub los werde. Geradezu praktisch, dass Pushpa und Dev Dutt (D.D.), ein Teil meiner indischen Familie, gerade in Deutschland zu Besuch sind. Flo und Neeti haben vergleichsweise spontan einen Ausflug nach Kopenhagen geplant und gefragt, ob ich auch Zeit habe.
Den ersten Vorschlag mit dem Rad nachzukommen habe ich weg gelacht. Lust habe ich dazu, aber dann hätte ich die Strecke #inonego fahren wollen und wär einfach die ganze Zeit platt gewesen. Ich plane mit dem Zug anzureisen, storniere aber später das Ticket da Flos Onkel mit dem Auto nachkommt und wir einfach zusammen fahren.

An einer Raststätte auf königlichem Grund rollen wir gemütlich von der Autobahn über die Verkehrshubbel auf den Parkplatz. Die Schilder in der Raststätte kann ich zwar alle lesen, verstehe aber nicht alles. Zwei Tüten Gummibärchen kosten 45 Kronen. Die Verkäuferin sagt „Hej.“, ich „Hey.“ und hole mir ein Körnerbrötchen mit Humusscheibe dazwischen für läppische 50 Kronen aus einer Glasvitrine und hoffe, dass es besser nährt als zwei Tüten Gummibärchen. Ich frage kurz auf Englisch, ob ich in Euro zahlen kann. Kann ich, aber nur in Scheinen. Ich zahle dann bargeldlos, indem ich die NFC-Karte gegen das Kartenterminal halte. Der Bildschirm zeigt: „Zahlung erfolgt“.

Wir fahren nach Kopenhagen ein und finden direkt vor der Mietwohnung einen Parkplatz und die anderen kommen zufällig auch gerade an. Also erstmal Begrüßung, Sachen hochtragen. Die Designer-Wohnung ist in einem Altbau im Stadtzentrum und wirkt wie aus einem Einrichtungshauskatalog. Während sich vier große Durchgangszimmer an der Straße entlang zur Schau stellen bleiben noch zwei kleine Zimmer mit Blick in den Hinterhof. Ich vermute, dass es mal ein Zimmer war, in das mittlerweile eine Wand eingezogen wurde. Die neuen Heizungsrohre, die auf Kopfhöhe des Bettes aus der Wand kommen und im Heizkörper daneben enden. Wie bei den Niederländern gibt es üblicherweise keine Gardinen in den Fenstern und somit bleibt auch am ersten Abend genug zu gucken. Ich gehe noch einmal vor die Tür und lauf ein paar Straßen ab. Immer wenn mir nach einer Grünphase eine Gruppe Räder entgegenfährt, bleibe ich stehen und gucke hinterher. So was fehlt in Hamburg einfach. Wieder zurück im Haus fällt mir auf, dass ich gar nicht genau weiß in welchem Stock die Wohnung ist und welcher Name an der Tür steht. Einfach die Türen durchzuprobieren ist mir zu doof und ich schreibe Flo kurz eine Nachricht. „Breve“ erhalte ich als Antwort. Etwas später öffnet ein lachender Flo. Scherzkeks.

Am Morgen wird lange gefrühstückt, bevor wir zum Stadtbummel gehen. Wir kreiseln um die Wohnung und kehren in ein kleines Café ein. Passend zu unserer skurrilen Truppe gibt‘s Latte, Espresso und Chai. Anschließend wollen ein paar ins Museum, um die Vilhelm-Hammershøi-Ausstellung ansehen. Die Routennavigation schlägt 20 Minuten Fußmarsch vor. Mit dem Rad wären es 7.
Wie sich im Nachhinein herausstellte war die Ausstellung enttäuschend, da nur eine Hand voll Bilder von Hammershøi aushingen. Pushpa und D.D. vertrieben sich die Zeit im Park und waren von den big white ducks (Schwäne) ganz angetan. Schwäne heißen im Dänischen übrigens Hans. Ich und Flo genossen Fahrradkultur indem wir kurz beim Rapha Clubhaus vorbei schauten. Abendessen holten wir uns in der Toscana Pizzeria – Østerbro. An dem kleinen, weiß gekachelten Laden wären wir vorbei gelaufen, jedoch waren die Empfehlungen aus den Internet entsprechend gut, dass wir es ausprobierten. Mit Pizza unter 70 Kronen (10 Euro) war es geradezu günstig für die sonst von der Foodie-Szene verwöhnten Gegend. Aber was soll ich meckern. Die Pizza war lecker und groß genug, um noch ein paar Stücke für‘s Frühstück im Kühlschrank einzulagern.

An meinem dritten Tag in Kopenhagen fällt mir auf, dass mein sonst recht gutes Zeitgefühl hat mich verlassen hat. Das muss dieses Urlaubsfeeling sein. Nachdem die junge Nachbarin von gegenüber splitterfasernackt das Fenster öffnet huscht mir dazu ein Lächeln über‘s Gesicht. Das Frühstück halten wir unter einer Stunde, denn schließlich wollen wir noch Rosenborgs Schloss besichtigen. In dem niederländischen Renaissance-Schloss liegen unter anderem Kronjuwelen aus. Am interessantesten fand ich allerdings die chinesischen Vasen und die Elfenbeinschnitzereien. Schränke und Schatullen aus Bernstein, besetzt mit Elfenbein zeigen, wie klein die Welt schon Anfang des 18. Jahrhunderts wurde.
Wir wandern weiter bis zum Nikolaj Plads. Die Kunstausstellung in der Kirche interessiert nur am Rande, denn Neeti muss, wie sie uns seit Tagen immer wieder versichert, un-be-dingt zum Laden für Künstlerbedarf nebenan. Den Abend lassen wir mit Burgern und Bier ausklingen. Für die indischen Eltern ist das Halten der Burger ungewohnt und das Muskelgedächtnis greift die Happen wie beim Essen von Dal und Reis. Vermutlich sah ich genauso unbeholfen aus, als ich das erste Mal Reis mit Linsen in Indien aß.

Die alten in unserer Reisegruppe wollen sich einen Tag ausruhen. Ich und Flo wittern unsere Chance: Radfahren in Kopenhagen! Die ordentlichen Mieträder in den umliegenden Läden sind uns für den Moment aber zu teuer. Wir brauchen einfach was zum dreckig reintreten. Ich klick mir die passende App für zwei orange Leihräder. Der Sitz ist zu tief und furchtbar weich. Die Bremsgriffe wackeln ein wenig und sind in einem unmöglichen Winkel angebracht, dass man sich gebrochene Handgelenke wünscht, um besser ranzukommen. Ich sehe schon vor dem Aufsteigen, dass zu wenig Luft in den Schläuchen ist und selbstverständlich kleben die Griffe, als wären sie über Nacht in kaltes Fett eingelegt gewesen. Aber es ist billig genug, um eine halbe Stunde damit zu fahren und ab geht‘s. Die Strecke, die wir die letzten Tage immer wieder abgelaufen sind, haben wir im Nu hinter uns gelassen. Unser Ziel ist die Freistadt Christiania. Da soll es künstlerisch sehr toll sein. Dort angekommen wollen wir erst auf den Turm der For Frelsers Kirke (Church of Our Saviour), um den Ausblick auf die Stadt mitzunehmen. In Anbetracht der Warteschlange auf der Treppe lassen wir das aus. Auch die Touristenfalle Bananen-Crepes für 35 Kronen vor der Kirche lassen wir aus. Eine Kreuzung weiter am Eingang zu Christiania gibt’s das dann auch schon für 25. Die Gemeinde selbst ist dann doch mehr Drogen-, als Kunstmarkt. An kleinen Tischen stehen halbseidene Gestalten und liegt Gras und Shit offen aus. Es stinkt unglaublich nach dem Zeug und wir sind auch nach einer kurzen Runde wieder verschwunden. Die Mischung aus „Kunst“, Kiff und Futterstationen können sich andere geben. Wir gehen zu Fuß zurück in die Stadt und stärke uns mit Burgern. Mit dem Argument, es sei effizienter und angenehmer als zu Fuß nach Hause zu gehen, werde ich zu einer zweiten Runde Leihrad überredet. Im dritten Gang werde ich entlang des Wassers nicht schneller, auch wenn noch Kraft zum Treten da ist. Die aufrichte Sitzweise bremst einfach zu stark. Nächstes Mal nehmen wir doch die besseren Räder für den ganzen Tag.

Ich wache mit Schniefnase und Kopfschmerzen auf. Anscheinend war das Fenster nicht richtig zu. Das diese merkwürdigen Häkchen ansonsten recht gut schließen, muss ein Zufall sein. Nun ist es jedenfalls auf und mir ist kalt um die Nase. Nichtsdestotrotz verlasse ich nach dem Frühstück das Haus. Ein Teil der Reisegruppe bleibt daheim und ruht sich weiter aus. Der Rest macht Kulturprogramm nach Belieben. Ich machte den Bogen über das Naturkundemuseum, über den dahinter liegenden botanischen Garten und einen Burgerladen zum Tivoli und zurück über die Davidssammlung. Von allen Museen gefiel mir das am Besten. Ich verlief mich zwar in den Gängen des vierten Stocks in der Islamkunstaustellung, fand aber dann doch noch ein Treppenhaus und wurde etwas später im zweiten Stock von einem Dutzend von Vilhelm Hammershøis Bildern angenehm überrascht. Auch die Sonderausstellung „The Hippie Trail“ war super. Reisefotografie aus Indien fand ich dann doch sehr passend als letzen Kulturauftritt in Kopenhagen. Allein dass ich eine Münze kaufen musste, um den Rucksack wegzuschließen hat mich etwas gestört. Den Urlaub bisher hab ich komplett ohne Bargeld verbringen können. Überall kann man einfach kontaktlos mit Karte zahlen.

Unser Taxi kam pünktlich. Am Bahnhof verlieren wir kurz, bevor wir den Zug besteigen D.D.. Flo war vorgegangen, um noch schnell einen Snack zu kaufen. D.D. war hinterher gerannt, aber zurück kam nur Flo. Super Beispiel für Lost in Translation. Unser Zug fährt auf Gleis Sieben. Ich und Flo teilen uns auf, um Bahnsteig Neun/Zehn und Elf/Zwölf abzulaufen. Mit großem Fragezeichen kommt D.D. die Rolltreppe an Gleis Elf hoch und wundert sich, wo der Rest bleibt. Ich sammle Flo ein und ab geht die wilde Fahrt. In Fünf Stunden werden wir in Hamburg sein. Unsere Route führt mit der Fähre über die Ostsee – samt Zug. Während der Überfahrt darf man allerdings nicht im Zug bleiben und soll auf das Oberdeck der Fähre. Es geht die Treppen hoch und D.D. grinst bis über beide Ohren hinaus, als wir im Wind stehen. Wasser bis zum Horizont sieht er sonst nicht. Im Gegensatz dazu stand ich mit dem gleichen Gesicht vor ein paar Jahren auf seiner Terrasse und habe die Ausläufer des Himalaya bestaunt. Wir legen bald an. Die ganze Gruppe macht sich bereit wieder zum Zug zu gehen, nur D.D. ist schon wieder weg. Auf dem Oderdeck ist er nicht aufzufinden und kurz bevor wir anlegen und der Zug abfährt, finden wir ihn, immer noch grinsend, im Abteil. So ein Schlingel. Die Einreise nach Deutschland ist so entspannt, dass ich nicht einmal einen Ausweis vorzeigen, geschweige denn etwas sagen muss.

Warum die Türschlösser in Dänemark kopfüber eingebaut sind und falsch herum schließen, finde ich vielleicht beim nächsten Mal heraus.

Ach ja und selbstverständlich war da noch:

Island im Herbst – Tag Vier: Abreise aus Reykjavík

Island Tag Vier - Abreise (16 von 18)

Heute ist Abreisetag. Für ein stärkendes Frühstück gingen wir in’s Laundromat in der Innenstadt. Ich war überrascht, dass auch am Sonntag die Geschäfte, abgesehen von der Gastronomie offen hatten. Offenbar hat sich Reykjavík sehr gut auf seine Touristen
eingestellt. Und ein Geschäft war auch ganzjährig auf Weihnachten ausgerichtet. „Island im Herbst – Tag Vier: Abreise aus Reykjavík“ weiterlesen

Island im Herbst – Tag Drei: Golden Circle

Island Tag Drei - Golden Circle (49 von 78)

Gefühlt stehen wir immer früher auf. Aber das ist für heute auch notwendig, denn wir haben einiges vor. Der Golden Circle will befahren werden. Unser erster Stop dabei soll Þingvellir (gespr. Thingvellir) sein. In dem Nationalpark gibt es unter anderem ein Spalte, die durch das auseinander driften der amerikanischen und der eurasischen Kontinentalplatte entstanden ist. Über einen matschigen Pfad schlagen wir uns durch’s Gebüsch, der Klippe entgegen. Ich komme zuerst an und kann nicht mehr als „Ohhh!“ sagen. Olli beschwert sich von hinten, dass ich nichts spoilern soll und erreicht kurz mir den Rand. „Ohhh!“ entweicht es ihm. Über die glatte, scharfkantige Steine, suchen wir uns einen Weg nach unten, um im Tal stehen zu können. Der Rest wartet lieber oben und wirft von oben mit Moos. „Island im Herbst – Tag Drei: Golden Circle“ weiterlesen

Island im Herbst – Tag Zwei: Heiße Quellen

Island Tag Zwei - Heiße Quelle (1 von 32)

Das kalte Wasser unter der Dusche ist durch Vulkanstein gefiltert und besonders klar. Trotzdem riecht es nach gekochtem Ei. Offenbar wird das warme Wasser aus einer schwefelhaltigen Quelle gespeist. Ei gibt’s auch zum Frühstück. Die deutschen Kaiserbrötchen zum Aufbacken hatten wir gestern im Supermarkt liegen lassen. Für ordentliches Brot, süßen Aufstrich und Smyra haben wir aber gesorgt. Nach dem Frühstück teilen wir uns auf. Ich und Olli wollen durch die Gegend fahren. Der Rest hatte einen Tauchtrip zwischen den Kontinenten in der Silfra-Spalte gebucht.

Wir machten uns auf den Weg Richtung Landbrotalaug im Norden. Knapp 120 Kilometer braun-rot-gelber Herbstlandschaft, durch die der Regen wanderte und sich mit sonnenbestrahlten Flecken abwechselte. Ab und an stand ein Gebäude in der Gegend, das unbewohnt aussah und in dessen Nähe ein paar Schafe oder Islandpferde standen. Ausgeschildert war die heiße Quelle nicht, aber man konnte sie schon von der Straße aus dampfen sehen. Zwei junge Russinen waren auch gerade angekommen. Zusammen hüpften wir in unseren Sneakern durch die morastige Wiese auf die Quelle zu. „Island im Herbst – Tag Zwei: Heiße Quellen“ weiterlesen

Berlin by bike // Bye, Bye Berlin

Ich verreise mit einem Gefühl wie Berlin in die Hauptstadt. Der zur Abfahrt einsetzende Regen unterstreicht es grau. Entgegen meiner letzten Reise habe ich keine angetrunkenen Halbstarken oder Fußballfans als Mitreisende. Vielleicht aber auch doch und ich erkenne sie einfach nicht, da sie wie alle anderen Mitreisenden lethargisch auf ihren Plätzen verweilen. Noch bevor das Video mit Service-Hinweisen abgespielt wird meldet sich der Busbegleiter in breitem Berliner Dialekt über die Sprechanlage. „Als Erstet muss ick mal ne schlechte Ansage mach’n. Uff der vorherijen Tour hat en Jast die Papierhandtücher für ditt Klo benutzt und jetz isset verstopft. Wir ham‘ jerade noch vasucht ditt wieda hinzukriejn, aba da wa nüscht zu mach’n. Wenn also ener uff Toilette muss, kanna sich rechtzeitig hier vorne melden. Dann halten wa an der nächsten passenden Stelle an.“ Ich bin ganz froh darüber, dass er nicht weiter ausführt, wie genau Mission ‚Rohr frei!‘ fehlgeschlagen ist und stelle mir vor, es geheime Absprachen zwischen den Angestellten der Fernbuslinien und den Raststättenbetreibern an der Autobahn gäbe, um die gegängelten Reisegäste unterwegs dazu zu zwingen, 50-Cent-Wertcoupons gegen die Toilettenbenutzung zu tauschen. „Berlin by bike // Bye, Bye Berlin“ weiterlesen

Indienreise: Tag 10 Hochzeitsshooting auf Viceroy’s Lodge

So langsam tritt hier im Urlaub Lagerkoller mit einer Prise Heimweh ein. Ich vermisse Schwarzbrot, bzw. Graubrot, kann mich hier aber nur darüber beschweren, dass die mir die Berge zu steil sind draußen alles staubig ist und an den Straßen Müll rumliegt und ich werde das Gefühl nicht los, beim Kauf von ein paar Schokoriegel um ein paar Rupien betuppt worden zu sein.

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Indienreise: Tag 9 Was hochsteigt, kommt auch wieder runter

Am Tag der Hochzeitszeremonie fanden wir keine Zeit, um auch noch ein Paar-Shooting für das Hochzeitspaar anzusetzen. Das wollten wir auf jeden Fall noch in Indien nachholen. Als wir vor ein Paar Tagen die Hochzeitsfotos der Brauteltern durchsahen stießen wir auch auf die passende Location – Viceregal Lodge, bzw. Viceroy Lodge, wie es hier genannt wird. Dummerweise haben wir uns vorab mal nicht schlau gemacht und sind einfach auf’s Blaue losgefahren und passten so den einzigen besucherfreien Tag der Woche ab. „Indienreise: Tag 9 Was hochsteigt, kommt auch wieder runter“ weiterlesen