Und unter den Schuhen knirschte der Schnee.

Ich mag Schnee. Und es ist einfach toll, draußen zu sein, wenn es schneit. Die Stadt wird dann ein bisschen stiller und selbst wenn man auf dem Land ist, wird es noch ein wenig ruhiger.

Ich erinnere mich gerne daran, wie wir damals Schneemänner bauten, die größer als wir selbst waren. Und einmal lag sogar so viel Schnee, dass wir uns auf dem elterlichen Hof eine Schneeburg errichten konnten. Eine herrliche Burg war das, mit einem großen Tor, einer dicken Burgmauer und Türmen. So zumindest in meiner Erinnerung. Auf einem Foto, das damals geschossen wurde, sah ich später einmal, dass es sich dabei nur um eine große Schneemauer handelte, die eine Ecke zwischen den Scheunen eingrenzte und uns als Schutz vor den Schneebällen der anderen Hofseite diente. Als Kind bestand allerdings kein Unterschied zu einer richtigen Burg.

Zu meinen liebsten winterlichen Erinnerungen zählen die Schlittenfahrten, die mein Vater mit uns unternahm. Damals besaßen wir einen kleinen, selbstgebauten Traktor mit Wasserverdampfer. Der musste immer mit einer großen Kurbel in Schwung gebracht werden und tuckerte dann so schön wie es wohl kein großer Traktor vermag. Da es keine richtig tollen Rodelberge bei uns in Brandenburg gab, kam mein Vater irgendwann auf die Idee, die Schlitten hinter den Trecker zu spannen und mit uns aus dem Dorf zu fahren, in die den nahen Wald abzubiegen und sie einige Stunden über die Waldwege zu schleppen.

Während des zweiten Weltkrieges gab es in den Wäldern eine große Munitionsfabrik, die unter großen Erdhügeln verborgen lag. Die Schornsteine der Fabrik ließen sich bei Fliegeralarm umklappen und so verschwanden sie einfach im Kiefernwald zwischen den Baumspitzen. Mein Opa machte uns Kindern immer Angst indem er sagte, dass man tagelang nicht zum nächsten Haus kommt, wenn man sich in dem Wald verläuft und dass die Gänge in den Erdhügeln des Werkes einstürzen, wenn man sich da zu tief hinein wagt. Er sagte uns nie, wie weit genau „zu tief“ war, aber die Warnung genügte, dass ich nie mehr als einen Blick und ein paar Steine in die Tunnel warf. Und auch, dass man im Wald verschwinden konnte, glaubte ich ihm — vergleicht man die Größe des Waldes mal mit dem Dorf, dass damals eine ganze Welt für mich war.Satellitenbild vom Heimatort und WaldManchmal waren wir mit neun oder zehn Schlitten unterwegs. Das war dann schon eine ganz ansehnliche Schlange, die sich durch den Wald zog und vor sich hin tuckerte. Spannend wurde es immer in den Kurven. Besonders auf den engeren Waldwegen konnte mein Vater nicht so weit ausholen und dann wurde es für den hintersten Schlitten schon mal eng am Baum. Ganz selten passte es nicht und es kam zu einer kleinen Kollision, die den Schlittenfahrer von der Sitzfläche holte.

Der Vater eines Mitschülers aus dem Nachbardorf machte auch einmal eine Schlittentour. Da er allerdings keinen Trecker hatte und der Wald etwas weiter weg war, spannte er uns hinter seinen Jeep und zog uns über die Wiesen. Es sieht übrigens spektakulär aus und fühlt sich umso spektakulärer an, wenn ein Zug von Schlittenkindern mit knapp 20 km/h unfreiwillig einen gefrorenen Maulwurfshügel als Sprungschanze benutzt. Wer schon mal versucht hat, einen Schlitten zu landen, weiß, dass das auf Grund fehlender Höhen-, Quer- und Seitenruder eher ein zufälliges Unterfangen, als eine koordinierte Aktion ist.

Mehr als blaue Flecken holte sich damals keiner von uns. Dabei hätten wir damals bei unseren Aktionen eigentlich öfters mal draufgehen müssen. Als wir in den Kirschbäumen ganz nach oben in die Krone kletterten, weil die Leiter nicht reichte. Als wir die Dünen am See herunter sprangen, um schneller ans Wasser zu gelangen. Als wir uns auf dem Fahrrad vom Moped ziehen ließen. Als wir auf dem Heuboden herum tobten und einer von uns zwischen die Ballen rutschte. Als wir den Heimweg über die Wiese abkürzten, auf der ein paar Kühe und ein Bulle eingezäunt waren. Oder später auch, als wir mit dem Auto testeten, ob das Eis auf dem See wirklich schon dick genug war.

„Es waren gute Winter, die es so wohl nicht noch einmal geben wird.“, denke ich und laufe weiter die Straße entlang. Und unter den Schuhen knirscht der Streusand auf dem Gehweg.

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